Von Sylt bis auf die Zugspitze

Henry Wehder auf der vorletzten Etappe von Füssen nach Garmisch Henry Wehder auf der vorletzten Etappe von Füssen nach Garmisch Foto: bek

Bezirk/Deutschland – Es sind die letzten Meter einer ganz langen Tour. Und die fordern den Läufern nochmals alles ab. Früh am Morgen um 6 Uhr sind sie in Garmisch-Partenkirchen aufgebrochen, 24 Kilometer und mehr als 2.000 Höhenmeter sind es durch die Partnach-Klamm und das Reintal bis auf das Zugspitzplatt zur Station Sonnalpin. Hier hat Oliver Witzke das Zielbanner aufgespannt. Deutschlandlauf 2017 steht darauf. Sylt-Zugspitze/19 Tage/1.300 Kilometer, Witzke ist der Veranstalter. 61 Läufer, darunter sechs Frauen, und ein außer Konkurrenz startender Rollerfahrer, traten am 16. Juli in Sylt an, 41 erreichen nun am 3. August das Ziel auf Deutschlands höchstem Berg. Eine unglaubliche Leistung, jeder der Finisher ist ein Sieger.

Der Erste auf dem Platt ist der Schwabe Kalle Dravec, der aber in der Gesamtwertung keine Rolle mehr spielt, weil er wegen einer Verletzung einige Etappen auslassen musste. Nach 4:20 Stunden schon ist er da. Dravec klettert weiter durch eine steile Geröllhalde und einen mit Drahtseilen versicherten Klettersteig ganz nach oben auf den Zugspitzgipfel mit dem Münchner Haus und einer Riesenbaustelle auf 2.964 Metern Meereshöhe. An Deutschlands höchstgelegenem Arbeitsplatz wird gerade die alte Seilbahn durch eine neue ersetzt, im kommenden Winter soll sie eröffnet werden.

Witzke hätte am liebsten hier ganz oben das Ziel aufgebaut, die Bergwacht hatte stabiles Wetter und gute Verhältnisse vorausgesagt. Aber die Mehrheit der Läufer sprach sich beim emotional geführten Briefing am Vorabend im Kongresszentrum in Garmisch dagegen aus. Man einigte sich schließlich auf die letzte Zeitnahme am Sonnalpin, nur einige wenige Läufer machen sich noch auf den Weg zum Gipfel.

Der fast blinde Harald Lange erreicht ihn und bricht in Tränen aus. „Das war das härteste, was ich je in meinem Leben gemacht habe“, stammelt er. Allen anderen geht es ähnlich. Peter Bartel verzichtet heute auf seinen Tretroller, in dem Gelände kann er den fahrbaren Untersatz nicht gebrauchen. Gegen 14 Uhr kommt er an, den Gipfel schenkt er sich – wer mag es ihm verdenken nach 1.300 Kilometern. Der Mann aus Frohnau ist 75 Jahre alt und damit der mit Abstand älteste Teilnehmer der (Tor)-Tour.

K1600 Raz August2017 1 DLL Peter Bartel untewwegs auf schmalen PfadenPeter Bartel unterwegs auf schmalen Pfaden Foto: bek

Peter, der schon durch ganz Europa und die USA gerollert ist, hat die Tour auch wieder für einen guten Zweck unternommen und spendet der Hilfsorganisation „Friends for Life“ ein ordentliches Sümmchen. „An jedem Tag für den ersten Kilometer einen Cent, für den zweiten zwei, für den dritten vier usw. Da kann man sich ausrechnen, wie viel zusammenkommt“, sagt Peter, der ehemalige Mathe-Lehrer am Humboldt-Gymnasium in Tegel. Am Ende waren es knapp 500 Euro.

Ich hatte das Vergnügen, für die RAZ bei den letzten Etappen hautnah dabei zu sein. Ich bin am Samstagmorgen, 29. Juli, mit dem Auto in Garmisch angekommen, dann im Flixbus nach Stuttgart gefahren, und bin von dort mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Rucksack rund 35 km ins östlich von Stuttgart gelegene Lichtenwald geradelt. Hier endete die 14. Etappe, und die Vereinsmitglieder des TSV Lichtenwald erwiesen sich als Super- Gastgeber.

Die Etappe war mit 90 Kilometern die längste der gesamten Tour, die Läufer waren platt. Wie sie sich teilweise über den Platz schleppten, mancher mit einer Schienbeinreizung, andere mit geschwollenem Knöchel oder wegen der vielen Blasen mit mit Pflastern übersäten Füßen – da mochte man kaum glauben, dass sie am nächsten Tag wieder pünklich am Start stehen würden.

Die Läufer schlafen wie fast immer in der Turnhalle, ich für die nächsten Nächte in meinem Ein-Mann-Zelt. Mein Wecker reißt mich um kurz nach fünf aus den Träumen, um sechs startet das Gros. Nur die stärksten Läufer und Roller-Peter nehmen die gut 55 bergigen Kilometer über die Schwäbische Alb nach Dornstadt eine Stunde später in Angriff. Ich folge mit dem Rad, überhole sie, lasse sie wieder passieren, mache Fotos von den Läufern auf der Strecke. So geht es auch die nächsten Tage in die Zielorte Memmingen, Füssen und Garmisch. Das Wetter ist top, aber die Hitze ist ein Problem. Nur abends und nachts gibt es Gewitter und Regenschauer. Einige Tage zuvor hatte das Wetter den Teilnehmern mit Dauerstarkregen übel mitgespielt.

Am Ende der Tage ist Henry Wehder ganz vorn. Der 55-Jährige gewinnt die meisten Etappen und geht schließlich als klarer Sieger hervor. Er gewinnt in rund 138 Stunden vor Günter Naab, einem Südpfälzer mit schwer zu verstehendem Dialekt und langen grauen Haaren und dem immer lächelnden Franzosen Jean-Louis Vidal. Bei den Frauen, von denen drei von sechs das Rennen erfolgreich beenden, hat die Niederländerin Wilma Dierx aus Amsterdam klar die Nase vorn.

Henry startet seit vier Jahren für die LG Nord und ist ein Freund von Peter Bartel. Für den Sachsen, der seit einigen Jahren mit seiner Frau Manuela in Norwegen lebt, ist der DLL nur ein kleiner Teil eines ambitionierten Projekts. Ein Aufkleber auf seinem Wohnmobil gibt Auskunft: „Run of my Life – 10.000 Kilometer in 111 Tagen“. Wehder war am Nordkapp gestartet und bis Sylt gelaufen, um am DLL teilzunehmen. Und auch danach läuft Henry immer weiter – nach Gibraltar, von Gibraltar wieder zurück bis nach Bari im Süden Italiens. Hier wird er mit der Fähre nach Griechenland übersetzen, um dort im September am legendären Spartathlon teilzunehmen, einem Lauf über 246 Kilometer von Athen nach Sparta.

Irre, oder? Jeden Tag laufen, 111-mal hintereinander, im Schnitt 92 Kilometer am Tag. Wie kann man das aushalten? „Ach, man darf einfach nicht zu viel denken auf der Strecke“, sagt Henry bei einem längeren Gespräch vor seinem Wohnwagen am Stadtrand von Memmingen. Er sieht ausgemergelt aus, hat kein Gramm Fett auf den Rippen. Er ist seit einigen Jahren eine große Nummer in der Ultraläuferszene, hat 2012 den Transeuropalauf gewonnen.

Und jetzt stehe ich hier am 3. August mit ihm auf dem Zugspitzplatt. Ich hatte am Tag zuvor mein Bike ins Auto gepackt, bin noch bis zur Reintalangerhütte auf knapp 1.400 Meter aufgestiegen und habe hier übernachtet. Von Garmisch zur Zugspitze in einem Zug wäre mir zu lang gewesen. Am Morgen bin ich um 7 Uhr von der Hütte gestartet und erreichte um kurz nach 12 Uhr zu Fuß den Gipfel. Dann mit der Seilbahn zurück zum Sonnalpin und mit der Zahnradbahn ins Tal – zusammen mit Peter Bartel. Dank an alle für ein paar wirklich außergewöhnliche Tage. bek 

Letzte Änderung am Mittwoch, 09 August 2017 08:05

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