Senioren und Digitalisierung

Für viele Senioren stellt die Digitalisierung eine Herausforderung dar. Für viele Senioren stellt die Digitalisierung eine Herausforderung dar. Grafik: Astrid Greif

Reinickendorf – „Senioren nutzen die Digitalisierung für sich“ oder „Skypen mit den Enkeln“ – die Tonlage der medialen Berichterstattung über den Stand der älteren Mitbürger im Zeitalter der Digitalisierung hat sich in den letzten Jahren geändert. Vor wenigen Jahren noch war der Tenor der Meldungen eindeutig alarmierend: Die ältere Generation wird abgehängt und kann nicht mithalten beim rasanten Schritt, mit dem sich unser Leben verändert. Heute hingegen mehren sich die Meldungen, die Senioren hätten durchaus ihren Fuß in der Tür zur digitalen Welt.

Eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung mit dem Titel „Digitalisierung für mehr Optionen und Teilhabe im Alter“ diagnostiziert einen stetig steigenden Anteil von älteren Menschen, die online sind. Hauptmotoren dieser Entwicklung seien das Interesse, mit den modernen digitalen Kommunikationsmitteln den Kontakt mit der Familie zu halten und der Wunsch, auch bis ins hohe Alter noch möglichst lange selbstbestimmt wohnen, leben und aktiver Teil der Gesellschaft sein zu können.

Die Studie sieht die Digitalisierung und den demografischen Wandel, der eine Verschiebung in der Altersstruktur unserer Gesellschaft hin zu einem deutlich höheren Bevölkerungsanteil älterer Menschen aufweist, als die „Megatrends“ unserer Zeit. Diese Trends aber konfrontieren Gesellschaft und Politik mit Fragen, für die es offenbar noch keine einfachen Antworten gibt.

Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit ältere Mitbürger die sich unvermeidlich ändern den Gegebenheiten der digitalen Gesellschaft begrüßen und als Chance begreifen können. So erhielt die RAZ im September einen Leserbrief einer älteren Leserin, die davon berichtete, an U-Bahn-Eingängen der Station Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik fehlten seit geraumer Zeit an den dafür vorgesehenen Stellen die Fahrpläne. „Um die Zeiten zu erfahren, muss man die Treppen beziehungsweise den Aufzug benutzen, weil es nur auf dem Bahnsteig möglich ist. Für alte Bürger ist dies sehr beschwerlich.“ Eine Veränderung, die ein jüngerer Mitbürger vielleicht nicht einmal wahrnimmt – ein Blick in die BVG-App oder den Google-Routenplaner auf dem Smartphone genügen, um die aktuellsten Fahrplaninformationen abzurufen – kann für ältere Mitbürger ein ernstes Problem sein.

Oder wenn im Trend zum Onlinebanking in diesem Jahr wieder neun Filialen der Berliner Sparkasse in Berlin schließen (die RAZ berichtete), mag dies viele Jüngere, für die das Onlinebanking eine Selbstverständlichkeit ist, nicht weiter kümmern. So mancher Senior wird den gewohnten Gang zu seiner Bankfiliale vermissen und eine Filialschließung als den Verlust eines Stückes Lebensqualität empfinden. Die Reinickendorferin Christa Harms geht zwar hin und wieder online, Onlinebanking ist der 79-Jährigen aber nicht geheuer. „Das kommt für mich nicht in Frage“, erklärt sie entschieden, obwohl die nächste Bankfiliale am S-Bahnhof Hermsdorf für sie nicht gerade um die Ecke liegt. Was tun? „Ich schicke meinen Mann.“ Das ist auch eine Lösung.

Senioren online 1Die Digitalisierung stellt viele Senioren vor Herausforderungen. Foto: ajö

Ein weiteres Beispiel, wie die Digitalisierung schleichend unseren Alltag verändert, ist die Briefzustellung der Deutschen Post. In einigen Ortsteilen kam es zu deutlich verspäteten Briefzustellungen (die RAZ berichtete) – in manchen Ortsteilen wurde die Post nur noch an wenigen Tagen in der Woche zugestellt. Durch die zunehmende Nutzung von E-Mail und anderen digitalen Kommunikationskanälen nimmt das Aufkommen von Briefsendungen kontinuierlich ab und der Konzern steuert gegen, indem er „neue Zustellmodelle“ testet. Was dies für die Zukunft der verlässlichen täglichen Briefzustellung bedeutet, bleibt abzuwarten.

Unsere neue, von der Digitalisierung bestimmte Lebenswelt beinhaltet eben doch die Notwendigkeit, sich an diese anzupassen oder ausgeschlossen und abgehängt zu werden. Viele ältere Menschen sind den sich bietenden Möglichkeiten der digitalen Welt durchaus aufgeschlossen, so das Ergebnis einer Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom aus dem Jahr 2015. Aber durchaus nicht alle und interessanterweise nicht, wie oft unterstellt wird, aus Angst vor den neuen Technologien.

Laut Studie sind die meisten der älteren Menschen, die auf das Internet verzichten, der Ansicht, es nicht zu brauchen, geben an, nicht über die technischen Möglichkeiten zu verfügen oder wollen sich im Alter schlicht nicht mehr damit beschäftigen.

Eine Mammutaufgabe für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Brücken zu bauen und attraktive Angebote zu schaffen für die älteren Menschen, die nicht selbstverständlich von sich aus den Anschluss an die neue, von der digitalen Entwicklung bestimmte Lebenswirklichkeit suchen. Dies beginnt bei Computer- und Tabletkursen in Senioren- Computerclubs und an Volkshochschulen und reicht hin bis zur Entwicklung von intuitiveren, benutzerfreundlicheren Bedienoberflächen.

Die digitale Revolution endet jedoch nicht bei den neuen Kommunikations und Informationstechnologien. Mit „Künstlicher Intelligenz“ und Robotik bricht bereits heute die nächste Welle technologischer Entwicklung über uns herein und beginnt, unser Leben zu verändern. Da gibt es bald die intelligente Tablettendose, die mit Piepsund Leuchtsignalen an die Einnahme der Medikamente erinnert, den automatischen Staubsauger und die mit Sensoren gespickte Seniorenwohnung mit Sturz- und Inaktivitätsmeldern, die bei Gefahr den Notdienst herbeirufen.

Das sind Aussichten, die vor wenigen Jahren an Szenen aus einem Science- Fiction-Roman erinnert hätten, bald aber schon für viele Alltag sein könnten. Bei den Bundesbürgern ist die Akzeptanz für diese von Computern und Maschinen assistierte Zukunft erstaunlich hoch. Laut Studie der Bertelsmann-Stiftung können sich 83 Prozent der Bundesbürger vorstellen, einen Serviceroboter zu benutzen, wenn sie im Alter dadurch länger in den eigenen vier Wänden wohnen können. Dieser starke Wunsch nach Selbstbestimmung spricht dafür, dass unsere Senioren durchaus noch für sich selbst denken können, auch wenn die Maschinen versprechen, den Menschen zukünftig auch noch diese Aufgabe abzunehmen. crn

Letzte Änderung am Donnerstag, 09 November 2017 16:24

RAZ App Kombi Banner 300x136 ARAZ App Kombi Banner 300x136 B

Meldungen kurz & knapp

Soziales | Senioren | Kirche

Tegeler Ehrenamtspreis an Reitverein

Tegel – Der Tegeler Ehrenamtspreis geht in diesem Jahr an den Ländlichen Reitverein Tegel am Waidmannsluster Damm 10. Ausgelobt wird er vom Tegeler CDU-Abgeordneten Tim-Christopher Zeelen. Zur Begründung der Vergabe an den diesjährigen Preisträger sagt er: „Beim Reitsport lernen die Kinder Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Dazu gehören neben dem Reiten vor allem die Versorgung und die Pflege der Pferde.“ Der Ländliche Reitverein Tegel engagiert sich seit 33 Jahren insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit. Da vor wenigen Wochen beim Reitverein eingebrochen wurde und der finanzielle Schaden erheblich ist, kam das Preisgeld in Höhe von 200 Euro gerade zur richtigen Zeit.

Senioren lernen Umgang mit Tablet

Märkisches Viertel – Die Gesobau unterstützt ältere Menschen bei der Teilhabe an der digitalen Gesellschaft. So stellen Infoveranstaltungen „Digital mobil im Alter“ beispielsweise Tablet-PC-Kurse im Ribbeck-Haus, Senftenberger Ring 54, vor. Sie finden am Dienstag, 16. Januar, 14 Uhr, und am Montag, 22. Januar, 14 Uhr, statt. Wer sich für einen Kurs interessiert, kann sich nach der Infoveranstaltung dafür anmelden.

Kurs für ehrenamtliche Sterbebegleiter

Märkisches Viertel – Der Hospizdienst vom Unionhilfswerk hat noch freie Plätze im kostenlosen Vorbereitungskurs zum ehrenamtlichen Lebens- und Sterbebegleiter. Der Kurs startet am 12. Januar 2018 beim Unionshilfswerk, Wilhelmsruher Damm 116. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Ziel ist, Menschen in schwierigen Situationen oder an ihrem Lebensende beizustehen – ob zu Hause oder im Pflegewohnheim. Die Ehrenamtlichen treffen sich auch zur Supervision und zum regelmäßigen Austausch. Weitere Informationen unter Tel. (030) 644 97 60 66.

Skyscraperbanner