Ein Ort zum Trauern

Ruth und Irmela Orland (v.l.) Ruth und Irmela Orland (v.l.) Foto: mfk

Wittenau – Irmela Orland ist Religionslehrerin, ihre Tochter Ruth Orland arbeitet als Erzieherin. Mutter und Tochter sind neben ihrer Berufstätigkeit engagierte Mitglieder im Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof. Dabei handelt es sich um den Waldfriedhof der damaligen Wittenauer Heilstätten und heute ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, der seit 1995 aufgehoben ist und sich auf dem südwestlichen Gelände befindet.

Am 27. Januar 2017 lud dieser Freundeskreis gemeinsam mit der VVN-Gruppe (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-Regimes vor dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (die RAZ berichtete).

An einem nasskalten Samstag stehen Mutter und Tochter Orland vor der Dorfkirche Alt-Wittenau. „Hier begann meine Suche“, drückt es Irmela Orland aus. Denn die Kirchengemeinde Alt-Wittenau war seit Bestehen der Wittenauer Heilstätten das zuständige Pfarramt für die evangelischen Patienten der Heilstätten. In den Kirchenbüchern von Alt-Wittenau finden sich deren Bestattungen auf dem Anstaltsfriedhof der Heilstätten. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in den Jahren 1933 bis 1945 starben laut Sterberegister der Heilstätten 4.607 Patienten in den Wittenauer Heilstätten. Dass sie Opfer von Verbrechen von Ärzten geworden sind, weil ihre Leben als unwert galten, ist heute unbestritten. Ungefähr 2.000 dieser ermordeten Menschen sind auf dem Anstaltsfriedhof auf dem Gelände der damaligen Heilstätten – die meisten in Massengräbern – beigesetzt worden, meist ohne dass ihre Angehörigen dabei sein konnten. 1994 wurde von der Leitung der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik der Antrag auf Aufhebung des Anstaltsfriedhofs gestellt und 1995 folgte die sogenannte Entwidmung des Friedhofs. Daraufhin wurden 28 Soldatengräber auf die Kriegsgräberstätte am Freiheitsweg in Reinickendorf verlegt. Die verbliebenen Grabstätten wurden entfernt und fanden keine Würdigung. Seitdem fiel das Friedhofsgelände in einen Dornröschenschlaf und verwilderte immer mehr. Doch immer noch besuchen Angehörige den Ort, an dem ihre Verwandten beerdigt sind. Ein regelmäßiger Besucher ist der mehr als achtzig Jahre alte Paul Gidius, dessen Mutter Else Gidius 1945 in den Wittenauer Heilstätten umgebracht wurde (die RAZ berichtete).

Seit einigen Jahren treffen sich Angehörige wie Paul Gidius, ehemalige Mitarbeiter, Anwohner und Interessierte in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche auf dem Gelände des heutigen Vivantes-Klinikums. „Nicht regelmäßig, aber immer wenn etwas ansteht“, erklärt Irmela Orland. Und ihre Tochter ergänzt, dass sich in letzter Zeit vermehrt Jugendliche beim Freundeskreis melden – sie nennt sie die Enkelgeneration –, weil sie mehr über die Schicksale ihrer Vorfahren erfahren möchten. Seit Juni 2014 tritt die Gruppe unter der Bezeichnung „Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“ auf. „Wir wollen den Angehörigen der Opfer einen geschützten Rahmen bieten, wo sie von ihren Erlebnissen berichten können“, sagt Ruth Orland. Ein Hauptanliegen des Freundeskreises ist es, dass sie dem Gelände des Friedhofes den Charakter eines offiziellen Gedenkortes verschaffen wollen. Mit ihrem Anliegen haben sie sich an verschiedenen Ausschüssen der Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf gewendet, die sich bereits seit mehreren Jahren intensiv damit auseinander gesetzt haben. Einen weitreichenden Beschluss fasste die BVV am 13. Mai 2015. Der Text lautet: „Damit auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse die offizielle Anerkennung als Opfer der NS-Gewaltherrschaft erwirkt sowie ein Konzept für die Gestaltung und dauerhafte Pflege des Friedhofes als Gedenkort erstellt werden kann.“ Der Freundeskreis hofft, dass den Beschlüssen nun auch Taten folgen. „Vielleicht schaffen wir es bis 2020, rechtzeitig zu den Gedenkveranstaltungen zu 75 Jahren Kriegsende“, sagt Irmela Orland abschließend. mfk

Interessierte finden Kontakt zum Freundeskreis über www. freundeskreis-anstaltsfriedhof.jimdo.com
Ausstellung „totgeschwiegen“, Oranienburger Straße 285, Haus 10, Öffnungszeiten: Mo-Fr 10-13 Uhr, So 13-17 Uhr (letzter Einlass 16.30 Uhr), www.totgeschwiegen.org 

 

Letzte Änderung am Freitag, 05 Mai 2017 08:54

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Bezirk – Ab 4. Dezember startet der Kurs „Arbeitnehmer/in 4.0“, bei dem ältere Arbeitssuchende und Nichterwerbstätige die Grundlagen für das Arbeiten im Büro erlangen können. Teilnehmer müssen in Berlin wohnen, arbeitssuchend oder nichterwerbstätig sein und dürfen in keinem Ausbildungsverhältnis stehen. Zugleich sucht die veedu GmbH, die den Kurs anbietet, interessierte Unternehmen, die Praktikumsplätze für die Projektteilnehmenden zur Verfügung stellen. Anmeldung bei Lisa Paetz unter Tel. (030) 7895 46014 oder an lisa.paetz@veedu.de. Weitere Infos unter www.didital-im-beruf.de oder auf der Webseite https://veedu.de.

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Märkisches Viertel – Die Pflegebedürftigkeit eines Menschen stellt auch seine Angehörigen vor große Herausforderungen. Häufig sind sie Belastungen ausgesetzt und fühlen sich mit der Situation allein gelassen. Unterstützung und Entlastung stellt die Kontaktstelle PflegeEngagement Reinickendorf am 13. Oktober von 10 bis 11.30 Uhr im Café Senftenberger am Senftenberger Ring 12 vor. In der Veranstaltung werden der Besuchsdienst, Gesprächs- und Freizeitgruppen und nachbarschaftliche Initiativen vorgestellt. Es gibt Raum für Austausch und Fragen. Das Café Senftenberger ist ein Kommunikations- und Treffpunkt im MV. Das Netzwerk Märkisches Viertel lädt dort jeden 2. und 4. Freitag im Monat zum Kaffeeplausch ein.

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