Ibn und Bint

Herbert Lange, Mohamed Sanou, Omran, Leila Youssef und Ingrid Lange (v. l.) Herbert Lange, Mohamed Sanou, Omran, Leila Youssef und Ingrid Lange (v. l.) Foto: ima

Frohnau – „Wir haben die Entscheidung von Angela Merkel, die geflüchteten Menschen ins Land zu lassen, als richtig empfunden“, sagt Herbert Lange und fügt hinzu: „Da haben wir die Notwendigkeit gespürt, etwas zu tun – einen Beitrag zu leisten.“ Der pensionierte Lehrer sitzt mit seiner Frau Ingrid, Leila Youssef und Mohamed Sanou am gedeckten Kaffeetisch in Frohnau. Letzterer schneidet mit einem knallorangenen Messer den frisch gebackenen Marmorkuchen in Scheiben und verteilt diese auf die Teller. Seit vier Monaten wohnen er und seine Frau Leila Youssef mit ihrem Sohn Omran in der Einliegerwohnung im Haus vom Ehepaar Lange.

Dieses hatte sich explizit eine Familie mit einem Kind gewünscht, und aufgeschlossen sollte die Familie sein – „damit es nicht allzu schwer ist“, sagt Herbert Lange. Beim monatlichen Netzwerktreffen von „Willkommen in Reinickendorf“ traf das Paar auf die AG Wohnen, die zwischen Vermietern und wohnungssuchenden Geflüchteten vermittelt. Herbert und Ingrid Lange konnten den Ansprechpartnerinnen der AG Wohnen, Fernanda de Haro vom Infopoint, Julia Stadtfeld vom Bezirksamt Reinickendorf und Rebecca de Vries vom Kirchenkreis Reinickendorf, ihre Wünsche vortragen. Daraufhin wurden ihnen zwei Familien vorgeschlagen. Die Entscheidung fiel auf Leila, Mohamed und Omran.

Der junge Mann und die junge Frau sind von Aleppo nach Berlin geflohen. Nachdem ihre Wohnung im Juni 2015 zerstört wurde, gingen sie zuerst in die Türkei und dann über den Landweg nach Deutschland. In Tschechien wurde Leila von der Polizei verhaftet und musste für zwei Monate ins Gefängnis. Mohamed setzte seine Reise fort, und Leila folgte ihm nach ihrer Entlassung. Inzwischen sind sie etwa 1,5 Jahre in Berlin, einen Großteil dieser Zeit verbrachten sie in der Unterkunft in der Scharnweberstraße. Als dann Omran zur Welt kam, entschieden sie sich, nach einer Wohnung zu suchen, da ein Heim kein geeigneter Ort für ein Kleinkind ist. In der Unterkunft hätte ihnen vor allem die Sozialarbeiterin Steffi und Rebecca de Vries von der AG Wohnen geholfen.

Bereits das erste Zusammentreffen vom Ehepaar Lange und den Youssef-Sanous gestaltete sich positiv. „Ich habe mich sofort sehr wohl mit ihnen gefühlt“, erzählt Mohamed. Inzwischen sind die Vier ein eingeschworenes Team. Herbert Lange begleitet das Paar bei den Behördengängen und versucht, ihnen durch den deutschen Bürokratiedschungel zu helfen. Außerdem laden sie sich gegenseitig zum Essen ein, und auch Weihnachten haben sie bereits gemeinsam gefeiert. „Wir haben ‚Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt. Die Atmosphäre war sehr familiär“, berichtet Mohamed. Aber auch zu Missverständnissen ist es gekommen. Wenn Herbert Lange an der Wohnung vorbeigeht, schaut er aus Respekt vor der Privatsphäre der syrischen Familie nicht durchs Fenster hinein. Leila und Mohamed interpretierten das aber anders und fragten ihn, ob er wütend sei. Ein Konflikt, der aus der Welt geschafft werden konnte, weil beide Seiten miteinander reden.

Mohamed Sanou, der zurzeit einen Deutschkurs besucht, würde gerne eine Ausbildung zum S-Bahn-Lokführer absolvieren. Leila besucht zurzeit mit der Unterstützung von Ingrid Lange zweimal pro Woche einen Deutschkurs: „Meine Priorität ist, mich auf Deutsch unterhalten zu können.“ Zurzeit muss sie sich noch viel um den kleinen Omran kümmern. Sobald er aber ein halbes Jahr alt ist, wird sie einen Kindergarten für ihn suchen. Herbert Lange formuliert sein Ziel ein bisschen anders. „Mein Anspruch ist, dass Omran als erstes Deutsch lernt“, sagt er und muss laut lachen.

Seit Kurzem trainiert Mohamed in seiner Freizeit Handball bei der Spielgemeinschaft Hermsdorf-Waidmannslust. Zum ersten Spiel kamen auch Leila, das Ehepaar Lange und Omran zum Anfeuern. Die Langes hoffen, dass auch andere Menschen sich von ihren guten Erfahrungen ermutigt fühlen und sich bereit erklären, geflüchteten Menschen ein Zuhause zu geben. Herbert und Ingrid Lange haben ihre Entscheidung nicht bereut. Inzwischen nennen sie Mohamed und Leila „Ibn“ und „Bint“ – das heißt auf Arabisch Sohn und Tochter. ima

Weitere Infos über die AG Wohnen gibt es unter Tel. (030) 3250 3690 oder an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 13 April 2017 09:48

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