Spiel oder Therapie?

Harald Polzin: Improv heißt Ja-Sagen zum Spiel wie zum Leben. Harald Polzin: Improv heißt Ja-Sagen zum Spiel wie zum Leben. Foto: du

Bezirk – Unter Sozialängsten leiden zirka zehn Prozent der Bevölkerung. Gefürchtet wird, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und sich dort peinlich zu verhalten. Durch Verhaltenstherapie können Betroffene lernen, ihre Selbstbilder durch angemessenes Selbstbewusstsein zu ersetzen. In Reinickendorf leitet der Schauspieler Harald Polzin im Rahmen des Selbsthilfe- und Stadtteilzentrums Reinickendorf Improvisationstheater- Gruppen (Impro oder Improv) für Menschen mit sozialen Ängsten.

Herr Polzin, Sie bieten Improvisationstheater als Hilfestellung für Menschen mit Sozialängsten an. Handelt es sich dabei mehr um Spiel oder mehr um Therapie?
Harald Polzin: Eindeutig um Spiel. Schließlich bin ich kein Therapeut, sondern Schauspieler.

Aber Ihr Spiel bleibt nicht ohne erwünschte Nebenwirkungen?
Es hat häufig ganz schöne Folgen – besonders für schüchterne und gehemmte Teilnehmer, die unter Sozialängsten leiden.

Was macht das Besondere dieses Spiels aus?
Meine Teilnehmer können im Rahmen des Improvisationstheaters auf der Bühne in einem wohlwollenden Umfeld all das ausprobieren, was sie sich sonst nicht trauen. Beispielsweise schreien, jemanden verführen oder sogar jemanden beleidigen. Vor allem konfrontieren sie sich freiwillig mit bisher Angst-auslösenden Situationen und lernen diese im Spiel zu überwinden.

Gibt es Formate für Spielszenen?
Improvtheater ist zwar weitestgehend unreglementiert, bedient sich aber einer ganze Menge Spiele: Beispielsweise die Übung „Statuskette“: Einer befiehlt etwas im Hochstatus und der in der Hierarchie darunter stehende nimmt es im Tiefstatus an und gibt es gegenüber seinem Untergebenem im Hochstatus weiter. Beispielsweise „hol mir einen Bleistift“. Aber der Allerunterste hat selbst keinen Untergebenen und kann nur etwas aus seiner Perspektive weitergeben, beispielsweise. „Wir haben nur Buntstifte“. So geht das Ganze Schritt für Schritt wieder nach oben. Oder wir spielen eine Situation in verschiedenen Filmgenres durch – mal als Horror, mal als romantische. Oder wir erleben die Achterbahn der Gefühle bei einem familiären Ereignis.

Welcher Mechanismus wirkt da?
Improvisation heißt Jasagen – wohingegen wir uns im Alltag allzu häufig erstmal mit einem Nein einschränken. Aber die Anlagen für einen kreativen Auftritt in der Öffentlichkeit tragen wir alle in uns. Es mangelt uns oft an Mut, dieses kreative Potenzial frei zu lassen.

Und was bedeutet Jasagen im Rahmen von Impro?
Jasagen bedeutet, erstmal den Moment im oft beschworenen Hier und Jetzt anzunehmen und spontan etwas daraus zu entwickeln. Da geht dein ganzes System gleich auf positiven Kurs.

Was qualifiziert Sie selbst zu diesem Angebot?
Ich selbst habe eine Schauspiel- und Regieausbildung gemacht. In der Folgezeit habe ich mein Interesse für Impro entdeckt und hatte das Glück, direkt an der Quelle beim kanadischen Impro-Urvater Keith Johnston zu lernen. Ich leitete damals die Life Game Company Berlin, wir machten Improv und Unternehmenstheater. Jeden Montag war Training für alle Schauspieler. Da saßen auf einmal drei Leute vor der Tür unseres Probenraums. Einer davon hat gesagt: „Eigentlich komme ich von zwei Etagen höher von der Selbsthilfegruppe für soziale Ängste.“ Dann haben wir mit kreativem Spiel angefangen. Später habe ich dann das MutArt-Labor als Improvisationstheater für soziale Ängste ins Leben gerufen. Einer von den Dreien aus der oberen Etage ist später übrigens einer meiner besten Schauspieler geworden.

Wer kann am Impro-Workshop teilnehmen?
Prinzipiell alle, die ihre soziale Phobie als deutliche Belastung im Alltag erleben und die Herausforderung spontaner Theaterarbeit nutzen wollen, um ihre eigene Selbstsicherheit zu stärken. Darüber hinaus sind absolut keine Voraussetzungen nötig.

Wie ist die bisherige Resonanz?
Überwiegend positiv. Zum Beispiel: „Jetzt traue ich mir Dinge zu, die ich vorher nie gewagt hätte.“ Oder auch: „Ich habe noch nie so viel gelacht und gleichzeitig so viel über mich selbst erfahren.“

Herr Polzin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Interview Harald Dudel 

Informationen zum Improvisationstheater
Beim Improvisationstheater (Impro) werden Szenen ohne vorgegebenen Dialog mit höchstens minimalen Handlungsvorgaben dargestellt. Häufig bitten die Darsteller um Vorschläge aus dem Publikum. Dessen Zurufe geben den Stoff für spontan entstehende Szenen. Nach Vorformen in Amerika, Westeuropa und Russland schuf Keith Johnston in den 1970er Jahren das Konzept Improvisation als Entertainment. Inzwischen sind diverse Varianten weltweit verbreitet.Gemäß der Impro-Theorie besitzt jeder Mensch alle wichtigen Eigenschaften, um sich kreativ auszudrücken – diese sind aber meist durch Selbstzensur blockiert. Impro beseitigt Abwehr und Blockaden. Eine Geschichte entsteht aus der Spontaneität und gegenseitigen Inspiration ihrer Spieler. Der verneinende Intellekt weicht der Phantasie. Schöpferische Quellen sind dabei das Unbewusste, das Heraufsteigen von neuen Begriffs-Verknüpfungen sowie der Zufall. Hier hat auch das Unperfekte seinen Platz. So lassen sich Blockaden angstfrei überwinden.Improtheater-Workshop „Mutmacher“ am Samstag, 17. Juni von 14 bis 17 Uhr im Unionhilfswerk - Selbsthilfeund Stadtteilzentrum Reinickendorf, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32, Kosten: 12 Euro / erm. 9 Euro.Weitere Infos unter Tel. (030) 416 4842 sowie Tel. (030) 4174 5753 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Website: www.unionhilfswerk.de/angebote/beratung-unterstuetzung/selbsthilfe-und-stadtteilzentren/termine/mutmacher.html
Letzte Änderung am Donnerstag, 08 Juni 2017 10:06

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Kunst | Kultur | Kreatives

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Märkisches Viertel – Ein Stück Heimat bringen die SchreibLotten bei einer Lesung am 22. Oktober um 16 Uhr in die Flotte Lotte, Senftenberger Ring 25. Die biografische Schreibwerkstatt der Einrichtung hat unter der Leitung von Beatrice Schütze autobiografische Geschichten erarbeitet. Der Eintritt ist frei.

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Tegel – Bis zum 3. November kann in der Evangelischen Hoffnungskirche Neu-Tegel, Tile-Brügge-Weg 49, die Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“ werktags von 10 bis 16 Uhr besucht werden. Die Wanderausstellung geht den Zusammenhängen zwischen Luthers Antijudaismus und dem Antisemitismus im Nationalsozialismus nach. Außerhalb dieser Zeiten bitte unter Tel. 0160-9130 6282 oder per E-Mail an info@hoffnungskirche-berlin.de einen Termin vereinbaren.

Polnische Kunst der Moderne

Reinickendorf – Bis zum 10. Dezember ist in der Rathaus Galerie Reinickendorf, Eichborndamm 215, die Ausstellung „Polnische Kunst der Moderne“ zu sehen. Gezeigt werden Malerei, Grafik und Textilkunst von 21 in Polen und Deutschland lebenden Künstlern. Die Ausstellung kann montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Michael Schmidt: 50 Jahre Portraitfotografie

Glienicke/Nordbahn – Unter dem Titel „Gesichter, die Geschichten erzählen“ werden noch bis zum 7. November Portraitfotografien des Kameramanns und Künstlers Michael Schmidt, der bereits seit 50 Jahren Menschen portraitiert, im Einwohnermeldeamt ausgestellt. Der Ausstellungsort, Hauptstraße 18-21, 16548 Glienicke/Nordbahn, ist dienstags von 13 bis 18 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie 14 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Der Lettekiez liest

Reinickendorf – Noch bis zum 25. Oktober dauert das Festival „Der Lettekiez liest“. Unter der Regie von Stadtmuster GbR in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Letteplatz werden Lesungen stattfinden. Sandra Volkholz präsentiert am 6. Oktober unter dem Titel „Auf zu den Sternen“ eine musikalische Lesung in der Buchhandlung am Schäfersee, Markstraße 6. Am 11. Oktober liest die Autorin Bettina Kerwien um 18 Uhr in der Bibliothek am Schäfersee, Stargardtstraße 11-13, aus ihrem Reinickendorf-Krimi „Mitternachtsnotar“. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Weitere Infos und ausführliches Programm unter www.qm-letteplatz.de

Reisebericht über Malaysia

Konradshöhe – Am 24. Oktober können sich Interessierte im Conrad´s, Baummmardersteig ggü. 1c, über Malaysia informieren Der Reisebericht von Hans Neumann beginnt um 19 Uhr, der Einlass ist um 18 Uhr. Die Kosten betragen 6 Euro. Anmeldung unter (030)-4319364 oder www.beweggrund.berlin.

Tatort Reinickendorf

Reinickendorf – Zum 25. Mal fand am 7. Oktober die „Reinickendorfer Kriminacht“ statt. Illustre Autoren sorgten am Abend für Spannung: Horst Bosetzky, Felix Huby, Melanie Raabe, Oliver Bottini und Friedrich Ani lasen aus ihren aktuellen Büchern. Die Jubiläumsveranstaltung fand erstmals im Ernst-Reuter-Saal, Eichborndamm 213, statt, denn aufgrund des großen Publikumszuspruch hatte die Humboldt-Bibliothek nicht mehr ausreichend Platz bieten können. Seit 1995 verleiht der Bezirk Reinickendorf den Berliner Krimipreis „Krimifuchs“ für herausragende Leistungen von Autoren der Kriminalliteratur. Seit dem Jahr 2000 wird der „Krimifuchs“ auch in der Kategorie „Medien“ verliehen. In diesem Jahr sollte Oliver Mommsen der „Krimifuchs“ für seine darstellerischen Leistungen überreicht werden. Das klappte leider nicht. Der Preisträger konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen. Als Bremer Tatort-Kommissar hatte Mommsen einen Dreh in seinem Ermittlungsgebiet zu absolvieren. Der Orkan „Xavier“ hinderte Mommsen an einer rechtzeitigen Rückfahrt nach Berlin, ein Mitarbeiter seiner Agentur nahm für ihn stellvertretend die Auszeichnung entgegen.

Zeichen- und Aquarellkurs

Reinickendorf – Der Projektraum „resiArt“, Residenzstraße 132, bietet Zeichen- und Aquarellkurse für Geflüchte und kunstinteressierte Reinickendorfer. Der Zeichenkurs „Draw A Line“ von Karen Scheper findet bis zum 13. Dezember jeweils mittwochs von 17 bis 20 Uhr, der Malkurs „Einfarbig/Vierfarbig“ von Zuzanna Schmukalla am 17. und 24. Oktober sowie am 7., 14., 24. und 28. November jeweils von 17 bis 20 Uhr statt. Weitere Infos unter Tel. (030) 2803 2996 oder an info@kunstamt-reinickendorf.de.

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