Dunkelheit und Schnee

Ein wiederkehrendes Motiv in Norrems Bildern ist die Natur, die sein Atelier umgibt. Ein wiederkehrendes Motiv in Norrems Bildern ist die Natur, die sein Atelier umgibt. Foto: ima

Frohnau – Idyllisch liegt der Künstlerhof Frohnau eine achtminütige Busfahrt vom S-Bahnhof und von der Bushaltestelle einen ebenso langen Fußweg durch den Wald entfernt. Hier hat der syrische Künstler Essam Hamdi Norrem, umgeben von Birken und Vogelgezwitscher, seine künstlerische Heimat und ein Atelier gefunden. Ein freundliches Lächeln zeigt sich in seinem markanten Gesicht, aus dem ebenso freundliche dunkle Augen das Gegenüber anschauen. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte die RAZ Norrem, der seit 2015 in Berlin lebt, bereits porträtiert (Ausgabe vom 25. Februar 2016). Seitdem hat sich einiges getan – eine Fortsetzung:

Kommunizierte der Künstler im letzten Jahr noch in einem von deutschen Brocken durchsetztem Englisch, muss er jetzt beim Sprechen nur manchmal nach deutschen Wörtern und Formulierungen suchen. „Ich brauche die Sprache, damit ich meine Arbeit erklären kann“, sagt er. Inzwischen wohnt er auch nicht mehr in einer Flüchtlingsunterkunft, sondern hat eine Wohnung im Märkischen Viertel gefunden.

Neben der Ausstellung „elf stellen sich vor“, die in der Humboldt-Bibliothek stattfand (die RAZ berichtete), hat er auch an einem Workshop im Jüdischen Museum teilgenommen. „Ein Museum ist kein Ort, um Kunst zu schaffen. Wenn ich male, brauche ich Farbreste auf dem Boden, die dann ungewollt in meinen Bildern landen. Der Zufall macht meine Kunst aus“, erklärt Norrem. Außerdem hat er sich an einer Ausstellung im Kreativhaus auf der Fischerinsel beteiligt und aus Holz ein „primitives“ Boot geschaffen. Damit will er auf die Geflüchteten aufmerksam machen, die im Mittelmeer ertrunken sind. „Am Boot hängen Erinnerungsstücke wie Kleidung. Sie symbolisieren die Träume der Geflüchteten. Diese sind mit ihnen im Mittelmeer ertrunken“, sagt er.

Früher malte Norrem vor allem menschliche Silhouetten. Heute ist eines der wiederkehrenden Motive die Natur. „Ich kann kaum glauben, wie schön die Natur ist. Besonders fasziniert mich, wie die Jahreszeiten die Natur verändern“, sagt der Syrer. „Vor allem mag ich den Winter, weil in ihm die Dunkelheit mit dem Schnee und dem Licht Kontraste schafft, die meine Bilder gut aufnehmen.“

Von seiner Kunst kann Norrem zurzeit nicht leben. Gerne würde er Bilder verkaufen. Das Jobcenter, das ihn zurzeit finanziert, will wissen, wieviel er im Monat mit seiner Kunst verdienen würde. Das Problem: Mal könnte er in einem Monat ein Bild verkaufen, dann wieder für zwei Monate nicht. Der Kunstmarkt funktioniert anders, den deutschen Behörden ist das fremd. Ohnehin sucht Norrem zurzeit nach einer Arbeit – zum Beispiel als Koch. „In meinem Heimatland war ich nicht arm. Ich kann es nicht akzeptieren, dass mir Geld gegeben wird, ohne dass ich dafür arbeite“, sagt der Künstler.

Ein Grund zur Freude für Norrem ist, dass seine 20-jährige Tochter Nora mit einem Studienvisum nach Berlin gekommen ist. Sie wohnt zurzeit bei Verwandten in Hermsdorf und lernt fleißig Deutsch – ihr Traum ein Studium an der Charité. „An der Universität in Damaskus hatte sie die besten Noten, deswegen hat sie das Visum bekommen“, sagt Norrem, dessen Augen voller Stolz strahlen. Trotzdem fällt es ihm schwer, sich auf seine Kunst und sein Leben in Berlin zu konzentrieren, denn seine Frau und seine jüngere Tochter sind nach wie vor in Syrien. „Eine Hälfte meiner Familie ist nicht in Sicherheit. Wenn ich die schönen Birken sehe, dann macht mich das traurig, weil ich nicht verstehe, warum meine Tochter sie nicht sehen darf“, sagt er, während seine Stirn sich in Sorgenfalten legt. „Zurzeit ist es ein wenig schwer für mich, künstlerisch zu arbeiten, weil ich so viel in meinem Kopf habe.“ ima

Weitere Informationen unter: www.kuenstlerhof-frohnau.de/pages/kuenstler/norrem

Letzte Änderung am Freitag, 26 Mai 2017 10:25

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Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

SchreibLotten der Flotten Lotte

Märkisches Viertel – Ein Stück Heimat bringen die SchreibLotten bei einer Lesung am 22. Oktober um 16 Uhr in die Flotte Lotte, Senftenberger Ring 25. Die biografische Schreibwerkstatt der Einrichtung hat unter der Leitung von Beatrice Schütze autobiografische Geschichten erarbeitet. Der Eintritt ist frei.

„Luther und das Judentum“

Tegel – Bis zum 3. November kann in der Evangelischen Hoffnungskirche Neu-Tegel, Tile-Brügge-Weg 49, die Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“ werktags von 10 bis 16 Uhr besucht werden. Die Wanderausstellung geht den Zusammenhängen zwischen Luthers Antijudaismus und dem Antisemitismus im Nationalsozialismus nach. Außerhalb dieser Zeiten bitte unter Tel. 0160-9130 6282 oder per E-Mail an info@hoffnungskirche-berlin.de einen Termin vereinbaren.

Polnische Kunst der Moderne

Reinickendorf – Bis zum 10. Dezember ist in der Rathaus Galerie Reinickendorf, Eichborndamm 215, die Ausstellung „Polnische Kunst der Moderne“ zu sehen. Gezeigt werden Malerei, Grafik und Textilkunst von 21 in Polen und Deutschland lebenden Künstlern. Die Ausstellung kann montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Michael Schmidt: 50 Jahre Portraitfotografie

Glienicke/Nordbahn – Unter dem Titel „Gesichter, die Geschichten erzählen“ werden noch bis zum 7. November Portraitfotografien des Kameramanns und Künstlers Michael Schmidt, der bereits seit 50 Jahren Menschen portraitiert, im Einwohnermeldeamt ausgestellt. Der Ausstellungsort, Hauptstraße 18-21, 16548 Glienicke/Nordbahn, ist dienstags von 13 bis 18 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie 14 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Der Lettekiez liest

Reinickendorf – Noch bis zum 25. Oktober dauert das Festival „Der Lettekiez liest“. Unter der Regie von Stadtmuster GbR in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Letteplatz werden Lesungen stattfinden. Sandra Volkholz präsentiert am 6. Oktober unter dem Titel „Auf zu den Sternen“ eine musikalische Lesung in der Buchhandlung am Schäfersee, Markstraße 6. Am 11. Oktober liest die Autorin Bettina Kerwien um 18 Uhr in der Bibliothek am Schäfersee, Stargardtstraße 11-13, aus ihrem Reinickendorf-Krimi „Mitternachtsnotar“. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Weitere Infos und ausführliches Programm unter www.qm-letteplatz.de

Reisebericht über Malaysia

Konradshöhe – Am 24. Oktober können sich Interessierte im Conrad´s, Baummmardersteig ggü. 1c, über Malaysia informieren Der Reisebericht von Hans Neumann beginnt um 19 Uhr, der Einlass ist um 18 Uhr. Die Kosten betragen 6 Euro. Anmeldung unter (030)-4319364 oder www.beweggrund.berlin.

Tatort Reinickendorf

Reinickendorf – Zum 25. Mal fand am 7. Oktober die „Reinickendorfer Kriminacht“ statt. Illustre Autoren sorgten am Abend für Spannung: Horst Bosetzky, Felix Huby, Melanie Raabe, Oliver Bottini und Friedrich Ani lasen aus ihren aktuellen Büchern. Die Jubiläumsveranstaltung fand erstmals im Ernst-Reuter-Saal, Eichborndamm 213, statt, denn aufgrund des großen Publikumszuspruch hatte die Humboldt-Bibliothek nicht mehr ausreichend Platz bieten können. Seit 1995 verleiht der Bezirk Reinickendorf den Berliner Krimipreis „Krimifuchs“ für herausragende Leistungen von Autoren der Kriminalliteratur. Seit dem Jahr 2000 wird der „Krimifuchs“ auch in der Kategorie „Medien“ verliehen. In diesem Jahr sollte Oliver Mommsen der „Krimifuchs“ für seine darstellerischen Leistungen überreicht werden. Das klappte leider nicht. Der Preisträger konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen. Als Bremer Tatort-Kommissar hatte Mommsen einen Dreh in seinem Ermittlungsgebiet zu absolvieren. Der Orkan „Xavier“ hinderte Mommsen an einer rechtzeitigen Rückfahrt nach Berlin, ein Mitarbeiter seiner Agentur nahm für ihn stellvertretend die Auszeichnung entgegen.

Zeichen- und Aquarellkurs

Reinickendorf – Der Projektraum „resiArt“, Residenzstraße 132, bietet Zeichen- und Aquarellkurse für Geflüchte und kunstinteressierte Reinickendorfer. Der Zeichenkurs „Draw A Line“ von Karen Scheper findet bis zum 13. Dezember jeweils mittwochs von 17 bis 20 Uhr, der Malkurs „Einfarbig/Vierfarbig“ von Zuzanna Schmukalla am 17. und 24. Oktober sowie am 7., 14., 24. und 28. November jeweils von 17 bis 20 Uhr statt. Weitere Infos unter Tel. (030) 2803 2996 oder an info@kunstamt-reinickendorf.de.

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