„Ausgerechnet Muse“

Von 9 bis 13 Uhr setzt sich Carola Wolff an ihren Schreibtisch, um zu schreiben. Von 9 bis 13 Uhr setzt sich Carola Wolff an ihren Schreibtisch, um zu schreiben. Foto: star

Tegel – Zwischen 9 und 13 Uhr ist Carola Wolff nicht zu sprechen. Da bearbeiten ihre Finger die Tasten des Laptops. „Selbst wenn ich mal unter einer Blockade leide, versuche ich zu schreiben.“ So machten es die Profis auch, erklärt Wolff – und meint damit ihren Lieblingsautor, den britischen Science-Fiction-Schriftsteller Neil Gaiman. Noch fällt es der Frau mit dem Wuschelkopf und dem ansteckenden Lachen schwer, sich selbst in diese Riege einzuordnen. Doch: Neben dem Tisch hat die 54-Jährige dickleibige Hartcover-Bände gestapelt. Druckfrische Exemplare ihres Fantasy-Romans „Ausgerechnet Muse“, soeben erschienen im Fabulus-Verlag. Die Hauptfigur: Apollonia Parker. Eine 17-Jährige, die in Tegel die Oberschule besucht, und über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Es ist Wolffs erster literarischer Ausflug ins Reich der Fantasy. Bislang hat sie Romane für ein erwachsenes Lesepublikum geschrieben. „Liebesgeschichten eben“, sagt sie fast verschämt. Kaum verwunderlich also, dass sich auch ihre Apollonia verliebt. Nur, dass das mit der Liebe nicht alles so reibungslos verläuft – „wie im wahren Leben auch“.

Bewusst hat Wolff die Handlung des Buches nach Tegel und Umgebung verlegt. Seit einigen Jahren lebt die gebürtige Charlottenburgerin nur wenige Gehminuten vom Tegeler See entfernt. „Es ist so schrecklich spießbürgerlich hier. Wie hältst du das nur aus? Die Berliner Künstlerszene ist in Neukölln oder Friedrichshain, da tobt das Leben, nicht in Tegel“, fragt Romanfigur Apollonia ihre Mutter, eine Malerin. Die antwortet nur: „Lass es toben. Genau das mag ich an dieser Gegend. Lauter Rentner, alles schön ruhig, keiner hält sich für den nächsten Picasso und nervt.“ Wegzuziehen können sich weder Apollonias Mutter noch deren Schöpferin Wolff vorstellen: „Der Ortsteil hat seine eigene Mystik“, sagt Wolff auf ihren Spaziergängen am See festgestellt. Dann erzählt sie von dem Baumriesen an der Greenwichpromenade, der am Abend so geisterhaft wirke, weil ihm ein Unbekannter Augen implantiert habe. Oder vom ältesten Baum Berlins, der „Dicken Marie“, auf deren Ästen Geister auf Vorübergehende warten sollen, um sich auf deren Schultern zu setzen – so zumindest die Sage.

Auf ihrem Kopfkissen liegt ein Harry-Potter-Band, an der Pinnwand hängt ein Zettel mit einem Zitat aus Lewis Carolls „Alice im Wunderland“, auf dem Couchtisch hat sie eine Miniatur des geflügelten Pferdes Pegasus platziert. „Ich lasse mich gern inspirieren.“ Dass sie „Ausgerechnet Muse“ nun in zwei Lesungen auf der Leipziger Buchmesse vorstellen konnte, habe sie ihrer persönlichen Muse zu verdanken – einer Mitarbeiterin des noch jungen Fabulus-Verlages. Der habe sie bei einer zufälligen Begegnung von ihrer Romanidee erzählt. Auch, dass das halb fertige Manuskript seit Monaten in der Schublade verstaube, weil ihr die Puste ausgegangen sei. Die Verlagsfrau war vom Plot begeistert, „bestärkte mich, weiterzumachen“. Was Wolff tat. Und das nicht nur mit Talent, sondern auch dem nötigen Handwerkszeug. Das hat sich die gelernte Buchhändlerin in einem Coachingkurs für Autoren in der Humboldt-Bibliothek angeeignet. „Seit zehn Jahren bin ich dabei und lerne noch immer.“ Ihre dortigen Mitstreiter sind es auch, denen sie erste Szenen vorträgt. „Mit konstruktiver Kritik kann ich umgehen“, sagt sie. Vielleicht auch, weil sie endlich das mache, wovon sie seit ihrer Jugend träume: zu fabulieren, zu dichten, Worte zu komponieren.

„Meine Eltern haben mir als Kind täglich vorgelesen, mit meinem fünf Jahre jüngeren Brüder habe ich tausende Geschichten erfunden, irgendwann Tagebuch, dann kleine Erzählungen geschrieben.“ Dabei blieb es. Erst als sie ihren Job aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, besann sie sich auf ihre eigentliche Leidenschaft. „Obwohl mich oft Selbstzweifel plagen.“ Dann hilft ihr der Austausch mit anderen Schreibern in ihrem Netzwerk: Die Tegelerin bloggt übers Schreiben, ist auf Facebook und Pinterest präsent. Auch, um sich ein Stück selbst zu vermarkten. „Das gehört heute zum Geschäft“, erklärt sie.

Ihr Buch „Ausgerechnet Muse“ hat Wolff ihren Nichten Ariane, Nadja und Lea gewidmet, ihnen bewusst den Satz „Geht euren Weg und lasst euch nicht beirren“ mitgegeben. Daran hält Wolff selbst fest. Die sitzt schon am nächsten Projekt, dem „Erlkönig“, wieder ein Fantasy-Roman. Ein junger Mann wird dieses Mal die im Oderbruch spielende Handlung bestimmen. Wolff will damit die Zielgruppe erweitern: „Auch Jungs lesen gern Fantasy.“ Sie gießt sich frischen Tee ein, setzt sich an den Schreibtisch. „Bis April will ich das Manuskript beenden.“ star

Letzte Änderung am Freitag, 05 Mai 2017 08:56

RAZ Leserumfrage 300x136 2

RAZ Stopper Oberschulen 88x75

Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

SchreibLotten der Flotten Lotte

Märkisches Viertel – Ein Stück Heimat bringen die SchreibLotten bei einer Lesung am 22. Oktober um 16 Uhr in die Flotte Lotte, Senftenberger Ring 25. Die biografische Schreibwerkstatt der Einrichtung hat unter der Leitung von Beatrice Schütze autobiografische Geschichten erarbeitet. Der Eintritt ist frei.

„Luther und das Judentum“

Tegel – Bis zum 3. November kann in der Evangelischen Hoffnungskirche Neu-Tegel, Tile-Brügge-Weg 49, die Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“ werktags von 10 bis 16 Uhr besucht werden. Die Wanderausstellung geht den Zusammenhängen zwischen Luthers Antijudaismus und dem Antisemitismus im Nationalsozialismus nach. Außerhalb dieser Zeiten bitte unter Tel. 0160-9130 6282 oder per E-Mail an info@hoffnungskirche-berlin.de einen Termin vereinbaren.

Polnische Kunst der Moderne

Reinickendorf – Bis zum 10. Dezember ist in der Rathaus Galerie Reinickendorf, Eichborndamm 215, die Ausstellung „Polnische Kunst der Moderne“ zu sehen. Gezeigt werden Malerei, Grafik und Textilkunst von 21 in Polen und Deutschland lebenden Künstlern. Die Ausstellung kann montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Michael Schmidt: 50 Jahre Portraitfotografie

Glienicke/Nordbahn – Unter dem Titel „Gesichter, die Geschichten erzählen“ werden noch bis zum 7. November Portraitfotografien des Kameramanns und Künstlers Michael Schmidt, der bereits seit 50 Jahren Menschen portraitiert, im Einwohnermeldeamt ausgestellt. Der Ausstellungsort, Hauptstraße 18-21, 16548 Glienicke/Nordbahn, ist dienstags von 13 bis 18 Uhr und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie 14 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Der Lettekiez liest

Reinickendorf – Noch bis zum 25. Oktober dauert das Festival „Der Lettekiez liest“. Unter der Regie von Stadtmuster GbR in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Letteplatz werden Lesungen stattfinden. Sandra Volkholz präsentiert am 6. Oktober unter dem Titel „Auf zu den Sternen“ eine musikalische Lesung in der Buchhandlung am Schäfersee, Markstraße 6. Am 11. Oktober liest die Autorin Bettina Kerwien um 18 Uhr in der Bibliothek am Schäfersee, Stargardtstraße 11-13, aus ihrem Reinickendorf-Krimi „Mitternachtsnotar“. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Weitere Infos und ausführliches Programm unter www.qm-letteplatz.de

Reisebericht über Malaysia

Konradshöhe – Am 24. Oktober können sich Interessierte im Conrad´s, Baummmardersteig ggü. 1c, über Malaysia informieren Der Reisebericht von Hans Neumann beginnt um 19 Uhr, der Einlass ist um 18 Uhr. Die Kosten betragen 6 Euro. Anmeldung unter (030)-4319364 oder www.beweggrund.berlin.

Tatort Reinickendorf

Reinickendorf – Zum 25. Mal fand am 7. Oktober die „Reinickendorfer Kriminacht“ statt. Illustre Autoren sorgten am Abend für Spannung: Horst Bosetzky, Felix Huby, Melanie Raabe, Oliver Bottini und Friedrich Ani lasen aus ihren aktuellen Büchern. Die Jubiläumsveranstaltung fand erstmals im Ernst-Reuter-Saal, Eichborndamm 213, statt, denn aufgrund des großen Publikumszuspruch hatte die Humboldt-Bibliothek nicht mehr ausreichend Platz bieten können. Seit 1995 verleiht der Bezirk Reinickendorf den Berliner Krimipreis „Krimifuchs“ für herausragende Leistungen von Autoren der Kriminalliteratur. Seit dem Jahr 2000 wird der „Krimifuchs“ auch in der Kategorie „Medien“ verliehen. In diesem Jahr sollte Oliver Mommsen der „Krimifuchs“ für seine darstellerischen Leistungen überreicht werden. Das klappte leider nicht. Der Preisträger konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen. Als Bremer Tatort-Kommissar hatte Mommsen einen Dreh in seinem Ermittlungsgebiet zu absolvieren. Der Orkan „Xavier“ hinderte Mommsen an einer rechtzeitigen Rückfahrt nach Berlin, ein Mitarbeiter seiner Agentur nahm für ihn stellvertretend die Auszeichnung entgegen.

Zeichen- und Aquarellkurs

Reinickendorf – Der Projektraum „resiArt“, Residenzstraße 132, bietet Zeichen- und Aquarellkurse für Geflüchte und kunstinteressierte Reinickendorfer. Der Zeichenkurs „Draw A Line“ von Karen Scheper findet bis zum 13. Dezember jeweils mittwochs von 17 bis 20 Uhr, der Malkurs „Einfarbig/Vierfarbig“ von Zuzanna Schmukalla am 17. und 24. Oktober sowie am 7., 14., 24. und 28. November jeweils von 17 bis 20 Uhr statt. Weitere Infos unter Tel. (030) 2803 2996 oder an info@kunstamt-reinickendorf.de.

Sidebanner