Das Wasser findet den Weg

Dr. Hans-Jürgen Stork mit Waldkauz Dr. Hans-Jürgen Stork mit Waldkauz Foto: Frederik Stork

Der Reinickendorfer Biologe und Geograf Dr. Hans-Jürgen Stork ist – ähnlich wie die Senatsverwaltung - der Meinung, dass im Tegeler Fließ alles so bleiben soll, wie es die Natur bestimmt. Die RAZ sprach mit dem langjährigen Landesvorsitzenden des NABU Berlin und jetzigen Sprecher der NABU-Gruppe Reinickendorf.

Herr Stork, wer oder was ist schuld an der Überflutung des Tegeler Fließes?
Fakt ist, dass alles, was im Fließ seit dem 30. Juni 2017 passierte, die Folge des starken Regens an diesem Tag und der weiteren Regenfälle im letzten Halbjahr 2017 ist. Das ist die Hauptursache, warum das Tegeler Fließ unter Wasser steht! Wer etwas anderes behauptet, beachtet schlicht und einfach nicht wichtige weitere Faktoren wie das schwache Gefälle im Tal und die Funktion der Retentionsflächen. Nicht umgefallene Bäume oder zu viel Laub führen zu den hohen Wasserpegeln. Bäume fallen schon immer mal ins Fließ – sei es durch den Biber oder durch Sturm. Das Wasser findet dennoch immer seinen Weg!

Woran liegt es dann, dass bei Hochwasser Grundstücke und Wiesen überflutet werden?
Wir leben in der Stadt. Viele Straßen sind versiegelt und geben bei starkem Regen schnell ins Fließ ab, da das Wasser nur noch wenig in der Umgebung versickern kann. Dadurch gehen die Wasserpegel hoch. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren wurde die Quickborner Straße in Lübars total versiegelt. Auf 600 Metern Länge und zehn Meter Breite wurde das Kopfsteinpflaster entfernt und die Straße geteert. Das Regenwasser versickert nun dort nicht mehr, sondern vereinigt sich mit dem Wasser vom Zabel-Krüger-Damm und fließt in großen Mengen direkt ins Fließ. Die Bauarbeiten in Lübars hatten auch das Ziel, das Wasser schnell von der Straße zu führen. Die Konsequenzen für das Fließ und das ganze Fließtal wurden nicht bedacht.

Wie hilft sich die Natur bei Hochwasser?
Wir haben das Glück, dass das Fließtal drei große so genannte Rückhalteflächen hat. Dorthin kann bei Hochwasser viel Wasser ausweichen – auf die Lübarser Wiesen, in den ehemaligen Großen Hermsdorfer See und in die großen Feuchtwiesen an der Jugendherberge. Diese Überflutungsflächen nehmen das Wasser auf, halten es zurück und lassen es in kleineren Mengen langsam durch die Engstellen an der B 96, an der Egidybrücke sowie zwischen Titusbrücke und Autobahn in den Tegeler See weiterfließen.

Dennoch beschweren sich Anwohner über nasse Gärten und Keller.
Im Bereich des Fließtales stehen nur wenige Gebäude, die unmittelbar vom Hochwasser betroffen sind. Eigentlich nur ein Einfamilienhaus. Am Hermsdorfer See beispielsweise sind sonst alle Häuser seit Jahrzehnten erhöht gebaut. Dort sind nur die Gärten überschwemmt. Damit muss und kann man leben, wenn man am Wasser baut! Die Überschwemmungen in Heiligensee mit vollgelaufenen Kellern haben nichts mit dem Fließ zu tun.

Es wurden Forderungen laut, die Entwässerungsgräben zu reinigen und den Ablauf vor der Mündung des Fließes in den Tegeler Sees zu erhöhen, damit das Wasser schneller abfließen kann. Teilen Sie diese?
Nein! Ich verfolge die Entwicklung der Wasserstände am Tegeler Fließ seit über zehn Jahren. Wenn es nicht wie in diesem Sommer und Herbst immer weiter regnet, können die betroffenen Lübarser Wiesen innerhalb von 14 Tagen wieder leer gelaufen sein. Dem Abfluss des Wassers muss bei den geografischen und bodenkundlichen Gegebenheiten einfach nur etwas Geduld mehr Zeit gegeben werden. Und Straßenbauer könnten auch nach besseren Lösungen für die Abführung und Verteilung des Straßenabwassers bei Starkregen suchen.

Was macht das Tegeler Fließ aus?
Das Tegeler Fließtal ist ein Naturschatz im Norden Berlins und steht seit 2017 endlich unter Naturschutz. Darum haben wir lange gekämpft. Hier leben über hundert verschiedene Brutvogelarten, seltene Schmetterlinge, außerdem Biber, Fischotter und Kraniche. Das Gebiet beheimatet eine enorme biologische Vielfalt.

Danke für das Gespräch.
Interview Heidrun Berger

Letzte Änderung am Mittwoch, 21 Februar 2018 13:17

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