Die Natur belassen oder sie korrigieren?

Das Tegeler Fließ Das Tegeler Fließ Foto: hb

Im nördlichen Berlin befindet sich eines der eindrucksvollsten und schönsten Naturlandschaftsgebiete der Stadt: das Tegeler Fließ. Um dieses idyllische Fleckchen Erde, das sich auf Berliner Gebiet zwischen Lübars und Tegel befindet, erhitzen sich gegenwärtig die Gemüter.

Es war in den vergangenen Wochen immer wieder Thema in Reinickendorfs Medien, bei Anwohnern, Politikern und Naturschützern. Grund ist der hohe Wasserpegel – zeitweise stand das Fließtal fast einen halben Meter hoch unter Wasser. Zurückzuführen ist dieser vor allem auf die starken Regenfälle im Sommer des vergangenen Jahres. Das Fließ konnte die Wassermassen nicht mehr fassen und stieg über seine Ufer. Die Folge: feuchte Keller, nasse Felder, die von den Landwirten nicht bewirtschaftet werden konnten, schlammige Wanderwege und ein versumpftes Fließ, in dem es nicht mal mehr die Wasserbüffel aushalten.

Der Umgang und die Bewertung mit dieser Situation erfolgt höchst unterschiedlich. Reinickendorfer Bürger, die einen Spaziergang durch das Fließ wagen, konstatieren eine zunehmende Vermoorung, die Verlandung des Hermsdorfer Sees und die allmähliche Verrottung des Fließtals (unter anderem in Leserbriefen an unsere Redaktion geschildert). Anwohner sind mit nassen Kellern und Gärten konfrontiert.

Die einen forden die zuständigen Stellen auf, etwas dagegen zu tun, dass das Fließ über seine Ufer tritt, sehen die Schuld in der Nichtbewirtschaftung des Fließes. Sie bemängeln, dass umgestürzte Bäume nicht entfernt werden, die Reinigung der Entwässerungsgräben und die Erhöhung des Ablaufs vor der Mündung zum Wasserablauf nicht erfolgte. Sie fordern mehr Unterstützung und Ideen von öffentlicher Seite.

Der Senat hält dagegen – man wolle das Fließ sich weitestgehend selbst überlassen, damit es sich natürlich entwickeln kann. Dies sei Voraussetzung, um das Prädikat „Natura-Gebiet“ weiter tragen zu können.

Auch wenn – wie noch vor der Ernennung – jetzt nicht mehr gebaggert wird, würde man an definierten „Verschmutzungsschwerpunkten“ reinigen, Hindernisse wie Treibgut, Müll und Totholz entnehmen und zweimal jährlich eine Krautung vornehmen. In der Bezirkspolitik allerdings sieht man diese Reinigungs- und Ordnungsbemühungen des Senats vor Ort nicht, vielmehr eine Ignoranz von Senatsseite.

Naturbelassenheit
Tim-Christopher Zeelen, von der CDU, in dessen Wahlkreis das Fließtal liegt, nahm sich wie andere Politiker ebenfalls des Themas an und unterstützte die Anwohner durch Anfragen an den Senat. Dieser sieht sich hinsichtlich des Einwohnerschutzes nicht in der Pflicht und verweist auf das Wasserhaushaltsgesetz sowie die Natura-Vorgaben. Die weitestgehende Naturbelassenheit ist auch ein Anliegen des NABU und des BUND, die den Senat in diesem Punkt durchaus unterstützen. Es scheinen, mutmaßt der BUND, eher Fragen der „Ordnung“ im Vordergrund zu stehen, als diese besondere Heimstätte für Flora und Fauna zu schützen. Zudem sollte den Anwohnern des Fließtals eigentlich klar sein, dass sie sich in einem Feuchtgebiet befinden, in dem das Wasser bei extremen Wetterbedingungen, wie etwa Starkregen, auch mal über die Ufer tritt.
Genau genommen ist das Fließ ein Bach von rund 30 Kilometern, von denen sich etwa zehn Kilometer auf Berliner Stadtgebiet befinden. Entstanden ist das Tegeler Fließ nach der letzten Eiszeit, nachdem die Eismassen, die das gesamte Gebiet bis über Berlin hinaus bedeckt hatten, abschmolzen. Die abfließenden Schmelzwasser strömten aus dem Norden in das Berliner Urstromtal und formten das heutige Tegeler Fließ, das sich einem zu einem ausgeprägten Flusslauf entwickelte. Das mäandrierende Fließ säumen Nass,- Feucht- und Frischwiesen, Teiche, Seen und Verlandungszonen sowie Erlenbrüche und Grauweidengebüsche. Der Bau der Wassermühlen in Schildow und Tegel führte zur Wasserregulierung, zur Entstehung des Hermsdorfer Sees und Tegeler Teichs sowie zur Vermoorung. Das Mühlenstauen und der Torfstich haben das ursprüngliche Erscheinungsbild verändert und vielerorts zur Verlandung geführt. Der hohe Grundwasserstand und Überschwemmungen verhinderten das erneute Aufkommen von Bruchwald. Durch die permanente Feuchtigkeit dieses vermoorten Gebietets ist nur eine extensive Nutzung der Wiesen möglich. Da viele Bauern sehr spät oder gar nicht mehr mähen konnten, wurden im 19. Jahrhundert Entwässerungsgräben gebaut. Wenig später wurden nach Plänen von James Hobrecht im Nordostraum Berlins Rieselfelder angelegt, um die Berliner Abwässer zu reinigen. Wegen der starken Nährstoff- und Schadstoffbelastung wurde die Verrieselung 1985 jedoch wieder eingestellt.

Flora und Fauna
Die Vielfalt an Flora und Fauna sowie das abwechslungsreiche Landschaftsbild des Flusstales haben dazu geführt, dass das Tegeler Fließtal als „Natura 2000-Gebiet“ ausgewiesen wurde und über den gesamten Bereich verteilt in den letzten Jahren zahlreiche Naturschutzgebiete ausgewiesen wurden, etwa die Niedermoorwiesen am Köpchensee oder das Kalktuffgelände bei Schildow. Das gesamte Tegeler Fließ steht unter Landschaftsschutz. at/ajö

Letzte Änderung am Mittwoch, 21 Februar 2018 13:14

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