Geburtshelfer brauchen selber Hilfe

Nach der Entbindung begleiten Hebammen Familien und geben in vielerlei Hinsicht Hilfestellung.           Nach der Entbindung begleiten Hebammen Familien und geben in vielerlei Hinsicht Hilfestellung. Foto: as

Der aktuelle Mangel an Hebammen wirkt sich nicht nur auf die Geburt im Krankenhaus aus, sondern auch auf die Betreuung vor und nach der Entbindung. Den Hebammen wird ihre Arbeit nicht gerade leicht gemacht. Obwohl die Zahl der in Kliniken fest angestellten He­bammen von 1991 bis 2015 laut einer Aufstellung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages um 37 Prozent gestiegen und die Zahl der freien Hebammen relativ konstant geblieben ist, können Hebammen den Geburtshilfe- und Betreuungsbedarf aufgrund steigender Geburtenzahlen nicht decken. So betrug die Steigerung der Geburtenrate laut Statistischem Bundesamt von 2015 auf 2016 7,4 Prozent. Vor allem im Bereich Geburtshilfe herrscht akuter Mangel. Grund ist vor allem die Berufshaftpflichtversicherung, die freiberufliche Hebammen zwingend abschließen müssen und bei der sie extrem hohe Prämien zahlen, wenn sie Geburtshilfe anbieten.

Der Deutsche Hebammenverband fürchtet, dass die Prämien bis 2020 auf 9.000 Euro im Jahr steigen könnten und fordert einen Haftungsfonds mit einer Haftungshöchstgrenze. Bereits jetzt verzichten 70 bis 80 Prozent der freiberuflichen Hebammen auf die Geburtshilfe – Tendenz steigend. Von 2008 bis 2010 haben laut einer Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) 25 Prozent der freiberuflich tätigen Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben.

Aber auch im Bereich Vor- und Nachsorge, den freiberufliche Hebammen derzeit hauptsächlich anbieten, herrscht aufgrund des Babybooms Mangel. Denn im Vordergrund bei der Betreuung durch die Hebammen steht die Qualität. Sie überwachen die Wundheilung und helfen den Frauen, die Geburt mental zu verarbeiten. Sie bieten Kurse wie Rückbildungsgymnastik an. Bereits vor der Entbindung unterstützen sie werdende Familien mit Geburtsvorbereitungskursen. Selbst Vorsorgeuntersuchungen, die üblicherweise der Frauenarzt durchführt, dürfen Hebammen übernehmen.

Doch was freiberuflich tätige Hebammen für junge Mütter und Väter leisten, erhalten einige Familien nur mit Anlaufschwierigkeiten. Denn es gibt viel zu wenige Hebammen. Das hat zur Folge, dass es auch in Reinickendorf schwer ist, eine Helferin für die Zeit der Schwangerschaft und darüber hinaus zu finden. Und auch in den Kliniken Berlins, in denen Hebammen 95 Prozent aller Neugeborenen in die Welt heben, stehen bei den Geburtshelferinnen immer öfter das steigende Arbeitspensum (aufgrund fehlenden Personals) im Vordergrund und immer weniger das freudige Ereignis.

Ein wichtiger Grund für den Hebammenmangel ist der erwähnte Babyboom in Deutschland, der in Berlin besonders stark zum Tragen kommt – Kliniken in der Hauptstadt führen die Geburtenliste an. 2007 kamen in einem Jahr rund 31.000 Babys zur Welt, im Jahr 2016 waren es schon 41.000 in der gesamten Stadt. Doch es gibt auch Ursachen, die nichts mit dem Babyboom zu tun haben und behoben werden könnten. Der Beruf Hebamme muss offenbar (wieder) attraktiv werden, damit wieder mehr junge Menschen den Beruf ergreifen.

Freie Hebammen sind ausgebucht
Die Terminkalender der freien Hebammen sind schon jetzt meist bis Oktober prall gefüllt. Das führt dazu, dass einige von ihnen sogar auf ihre Webseite schreiben, wie weit entfernt der Geburtstermin liegen sollte, damit eine Betreuung während der Schwangerschaft noch möglich ist. Mehrere Hebammen in Reinickendorf berichten, dass sie sehr viele Frauen telefonisch ablehnen. Einige tragen sich sogar aus entsprechenden Verzeichnissen aus, um nicht so schnell gefunden zu werden. Auch zur „Lösung“ 50 Euro „Praxisgebühr“ wird gegriffen.

Wenig Angebote für die Rückbildung
Wer Praxen oder Geburtshäuser sucht, in denen Kurse zur Geburtsvorbereitung oder zur Rückbildung angeboten werden, der findet in Reinickendorf im Vergleich zu Pankow oder Mitte nur sehr wenige. Einer der wichtigsten Anbieter für diese Kurse ist die „Elternschule Nord“ des Humboldt-Krankenhauses. Daneben gibt es „Mama de luxe“ in Frohnau, die Praxis „Zehn Monde“ in Hermsdorf oder das evangelische Familienfortbildungszentrum in Wittenau.

Auf Hausbesuch am Wochenbett
Junge Familien nach der Geburt zu Hause zu besuchen, das ist ein Schwerpunkt der Arbeit von Hebamme Kerstin Kluge aus Wittenau. Bei einem frischgebackenen Trio aus Vater-Mutter-Kind konnte die RAZ im Rahmen eines Hausbesuches miterleben, was sie konkret tut. Sofort fällt das Vertrauen auf, dass Familie Skiba ihrer Hebamme entgegen bringt. Es ist zu spüren, dass die Hebamme Gelassenheit ausstrahlen möchte und so den Familien in dieser Zeit des Umbruchs einen Ankerpunkt geben will.
Der seelische Beistand ist für die junge Familie wichtig, doch bezahlt wird Kerstin Kluge dafür, dass sie sich um die Gesundheit von Mutter und Kind zu kümmert. Behutsam untersucht sie den Säugling genauestens. Körperhaltung, Gewicht, Reflexe – alles protokolliert die Hebamme exakt. Eine andere wichtige Aufgabe ist es, Mutter und Vater zu beraten.
An diesem Tag geht es bei Familie Skiba um die richtige Ernährung des Neugeborenen. Die Hebamme erklärt und gibt Tipps. Außerdem bringt sie das Gespräch auf Themen, die aus ihrer Sicht zu diesem Zeitpunkt besprochen werden sollten. Es geht um Verhütung, um die ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen (die so genannten U‘s), um den Frauenarzt.

Zusätzlich Baby- und Stillberaterin
Bei ihrem Besuch leistet die Hebamme mehr, als es ein Arzt könnte, der ausschließlich mit medizinischer Brille auf die Familie blickt. Sie ist zusätzlich Babyberaterin, weil sie übers Stillen spricht oder individuelle Fragen beantwortet. Und ihre dritte Rolle ist, Team- und Familienbuilder zu sein. Wie wichtig gerade dieser Teil ist, beweisen die vielen Dankesbriefe, die die meisten Hebammen erhalten.
Aber auch während der Geburt leisten Hebammen sehr viel. Die RAZ sprach mit einer Geburtshelferin, die nicht namentlich genannt werden möchte, über den stressigen Alltag in Berliner Entbindungsstationen. Sie erzählt, dass sich das Arbeitspensum in den letzten zehn Jahren erheblich erhöht hat: „Es gibt einfach immer weniger Hebammen pro Station, aber immer mehr Geburten. “

Hohes Arbeitspensum in der Klinik

Sie müsse immer mehr Frauen gleichzeitig in den Stunden der Wehen und während der Geburt beistehen. Es werde von ihnen immer mehr verlangt. Dabei tragen Hebammen eine hohe Verantwortung für das junge Leben. Dennoch würden die Krankenhäuser ihren Hebammen immer weniger Zeit für die einzelne Frau lassen, so die Insiderin.
Zudem müssen Hebammen immer mehr artfremde, meist adminstrative Tätigkeiten verrichten. Nicht zu vergessen sei: „Die Bezahlung in den Kliniken sollte besser werden, damit sich wieder mehr Hebammen dort bewerben und arbeiten.“

Wenig Personal im Kreißsaal
Die Klinikhebamme habe noch nie erlebt, dass eine Geburtshelferin, die einmal den Schritt in die Selbständigkeit gewagt habe, wieder in eine Klinik zurückgekehrt sei. „Freiberuflich zu arbeiten, das bedeutet einfach weniger Stress – und natürlich auch eine bessere Bezahlung.“ Der Bericht deckt sich auch mit einer offiziellen Aussage: „In den Kreißsälen ist oft zu wenig Personal, um sich intensiv um jede Gebärende kümmern zu können“, klagt Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbandes.

Zahl der Betten wächst zu langsam
Der Stress in den Kliniken lässt sich auch daran ablesen, dass in den letzten Jahren zu wenig in die Geburtshilfe in 

vestiert wurde. So zeigt die amtliche Statistik, dass in den elf Berliner Krankenhäusern, die überhaupt eine Geburtsabteilung besitzen, die Zahl der Betten nur sehr langsam zunimmt. Statt rund 370 Betten für die Geburtshilfe wie vor zehn Jahren stehen aktuell nach wie vor weniger als 400 Betten bereit. Das bedeutet, dass immer mehr schwangere Frauen sich die wenigen vorhandenen Betten teilen müssen. Und dabei obendrein auf zu wenig festangestellte Hebammen treffen. In Reinickendorf ist der Mangel an Betten für Gebärende besonders auffällig. Es gibt im Bezirk gerade einmal eine klinische Geburtsabteilung. 1.086 Geburten wurden im vergangegnen Jahr am Nordgraben im Humboldt-Krankenhaus gezählt. Gleichzeitig gab es aber rund 2.200 Neugeborene. Das heißt, dass rund die Hälfte aller Mütter auch außerhalb des Bezirks ihr Kind zur Welt bringen müssen oder wollen. Wobei niemand weiß, welches der umliegenden Krankenhäuser wie Oberhavel-Klinik, Heliosklinik, Klinik-Westend, Schloßpark-Klinik oder Virchow-Klinikum unter Reinickendorfer Müttern erste Wahl ist.

Das plant der Senat für die Zukunft
Auch der Berliner Senat hat den Hebammenmangel offiziell erkannt. Senatorin Dilek Kolat, zuständig für Gesundheit, hat Anfang Februar zu einem runden Tisch geladen. „Das Land Berlin investiert 20 Millionen Euro in den Ausbau von Kreißsälen. Auch werden wir die Ausbildungskapazitäten für Hebammen um 130 Plätze erweitern. Nicht zuletzt sind mir die Arbeitsbedingungen für die Hebammen wichtig“, sagt Kolat.

Andrei Schnell

Letzte Änderung am Mittwoch, 07 März 2018 09:38

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Meldungen kurz & knapp

Soziales | Senioren | Kirche

Familiencafé

Wittenau – Eltern, Kinder und Großeltern sind eingeladen, sich am Donnerstag, 15. Februar, von 15.30 bis 17.30 Uhr bei einer Tasse Tee oder Kaffee im Familiencafé zu treffen um beisammen zu sitzen und sich auszutauschen. Eine Anmeldung ist nicht nötig, wird aber gern im Büro der Evangelischen Familienbildung Reinickendorf entgegengenommen. Das Familiencafé ist kostenfrei, um eine kleine Spende für Kaffee und Kuchen wird gebeten. Ort: Familienbildungsstätte Pastor-Weise-Haus, Spießweg 7.

Improvisationen

Hermsdorf – Innerhalb derKonzertreihe „Music for a while“ wird am Samstag, 10. Februar, 17 Uhr, zum Konzert „Improvisationen über populäre Melodien“ in die Apostel-Paulus-Kirche Hermsdorf, Wachsmuthstraße 25, eingeladen. Maria Scharwieß spielt an der restaurierten Sauer-Orgel. Der Eintritt ist frei, Spenden werden erbeten.

Schulfähre Scharfenberg

Tegel – Seit 3. Januar hat die Fähre nach Scharfenberg wieder einen Fährmann. Das teilte Schulsenatorin Sandra Scheeres mit. Ungeklärt sei allerdings, wer ihn vertritt, wenn er krank oder verhindert ist. Ein Fährgehilfe wird erst am Jahresende anfangen, und die Einstellung eines zweiten Fährmanns ist nicht geplant.

Kurse für starke Familien

Konradshöhe – Am 21. Februar startet im Kinder-und Jugendhilfezentrum Haus Conradshöhe, Eichelhäherstrasse 19, der Elternkurs „Starke Eltern – starke Kinder“. Der Kurs möchte Eltern Anregungen zur Erziehung geben und gleichzeitig die Gelegenheit, mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Themen dabei werden unter anderem Kommunikation in der Familie, Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse der Familie und Umgang mit Grenzen und Regeln sein. Unter Leitung einer Sozialpädagogin und einer Psychologin der Ambulanten Erziehungshilfe werden die Eltern Anregungen zur Erziehung erhalten und in den Austausch mit anderen Eltern treten können. Kursbeginn ist am 21. Februar, danach findet er jeden Mittwoch von 10 bis 13 Uhr statt. Anmeldeschluss ist der 9. Februar. Für die insgesamt neun Termine wird ein Teilnahmebeitrag in Höhe von 10 Euro erhoben. Nähere Informationen erhalten Sie telefonisch unter 0157/8860914 oder per E- Mail brigitte.hoerber@haus-conradshoehe.de