Kurbelwellen in surrealem Kosmos

Brigitte Körber in ihrem Atelier: Für die Nacht der Industriekultur im Ruhrgebiet im nächsten Jahr gestaltet sie gerade ein Zechen-Bild in Form einer Fahne. Brigitte Körber in ihrem Atelier: Für die Nacht der Industriekultur im Ruhrgebiet im nächsten Jahr gestaltet sie gerade ein Zechen-Bild in Form einer Fahne. Foto: star

Frohnau – Über den Tisch in ihrem Frohnauer Atelier zieht sich eine fünf Meter lange Bahn: Dunkle Streben erwachsen aus grau meliertem Grund, die Seilscheibe eines Förderturms hebt sich ab vor hellen Schlieren. Technisch präzise abgebildete Details auf einem Kosmos des Wirbelns und Strudelns in Acryl. Brigitte Körber setzt gekonnt den nächsten Pinselstrich, hat Zeit und Raum um sich herum ausgeblendet. Wenn sie male, sei sie ganz bei sich, beschreibt sie den Zustand zwischen dem Ringen nach Perfektion und der Euphorie, die sie packt, wenn es gelingt.

Die Zechenlandschaft des Ruhrgebiets ist der Reinickendorfer Malerin eigentlich gar nicht vertraut. Warum sie derzeit jedes Detail der Architektur einer vergangenen Kohlewelt studiert, sich Fotos von einem Fördergerüst in Dorsten besorgt hat: Die Gruppe „Breitband“ – 27 Künstler aus neun Nationen, zu deren Gründungsmitgliedern sie zählt – soll die Bilder liefern für die Eröffnung der „ExtraSchicht 2018“, der Nacht der Industriekultur in der „Metropole Ruhr“. Seit 1984 ist Brigitte Körber freischaffende Künstlerin.

Gern wäre sie direkt nach der Schule Malerin geworden. Doch der Vater forderte, dass seine Tochter „etwas Solides“ lerne. Auch die Fürsprache des Kunstlehrers an der Bertha-von-Suttner-Schule, der das Talent seiner Schülerin erkannt hatte, stimmte das Familienoberhaupt nicht um. Erst Heirat und Geburt ihres ersten Kindes läuteten den Richtungswechsel ein: „Mein Mann fragte mich, was mir im Leben wichtig ist.“ Brigitte Körber musste nicht überlegen: die Malerei. „Er riet mir zu.“ Was dann begann, liest sich wie eine Bilderbuchkarriere: Körber fand Lehrer, die sie in ihrer Entwicklung prägten, ohne sie zu dominieren, die in ihr weckten, was sie selbst nicht in sich sah. Als eine von wenigen Auserwählten durfte sie als Meisterschülerin bei Professor Markus Lüpertz lernen, einem der renommiertesten deutschen Künstler der Gegenwart. „Meine Wurzeln habe ich aber nicht vergessen“, die ersten Seminare an der Reinickendorfer Volkshochschule bei Wolfgang Maria Wentzig. „Ihm habe ich viel zu verdanken.“

Längst hat sie die als eng empfundene Berliner Szene hinter sich gelassen, stellt bundesweit aus, auch in Polen oder Österreich. Und hat ihre eigene Handschrift ausgebildet: Detailgetreu gemalte Zahnräder, Kurbelwellen oder Schrauben verschmelzen in einem surrealen Farb- und Raumrausch. Körber spricht von Industrial Art.

Koerber2In der Präzisionsmechanik-Firma ihres Mannes hat Brigitte Körber ihr künstlerisches Leitmotiv gefunden. Foto: star

„Schuld“ an diesem Stil sei Ehemann Peter. Der Unternehmer und Präzisionsmechaniker bat seine Frau um Bilder für das Foyer seiner Firma. „Ich wollte etwas zu ihm Passendes malen“, erinnert sie sich an seinen Wunsch vor 17 Jahren. Also ließ sie sich durch die Produktionshallen führen, schaute sich jedes Werkzeug, jede Fräsmaschine genau an. Und fand ihr Leitmotiv: die Technik in der Kunst. Die Käufer ihrer Bilder sind meist Firmenbosse mit Kunstfaible und dem Wunsch, ihr eigenes Metier darin wiederzufinden. Immer eine Herausforderung, denn: „Eigentlich bin ich kein technisch versierter Mensch. Mich sprechen eher die ästhetischen Formen der Bauteile an.“ star

Letzte Änderung am Montag, 28 August 2017 09:00

RAZePaperKombi Banner300x136 RAZ App Kombi Banner 300x136 iphone RAZ App Kombi Banner 300x136 B

Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

Debüt „Außer sich“

Tegel – Zu einer Lesung mit Sasha Marianna Salzmann lädt die Humboldt-Bibliothek in der Karolinenstraße 19 am Mittwoch, 14. Februar, um 19.30 Uhr ein. Die Autorin präsentiert ihr Romandebüt „Außer sich“, das zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2017 gehörte. Es ist die Geschichte des Zwillingpaares Alissa und Anton, die in Moskau aufwachsen und mit den Eltern nach Westdeutschland gehen. Eines Tages verschwindet Anton und Alissa macht sich auf die Suche nach ihm. Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater zeigt eine sehr eigene Sprache und ein virtuoses Spiel mit Raum und Zeit in der Schilderung des Geschehens. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf im Rahmen von „Lesezeichen – Literatur live in Tegel“ statt. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Philosophisches Café

Märkisches Viertel –  Märkisches Viertel – Im Philosophischen Café findet am 19. Februar, 15 bis 17 Uhr die Veranstaltung „Falsche Wertrealsierung“ statt. Kosten: 3 Euro. Ort: Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32.

Offenes Singen

Hermsdorf –  Am 16. Februar gibt es von 19.30 Uhr bis 21 Uhr ein „Offenes Singen“ im Gemeindesaal der Apostel-Paulus-KG in der Wachsmuthstraße 25. Eingeladen sind alle, die Freude am Singen haben. Gesungen werden Hits und Evergreens von damals bis heute Der Eintritt kostet 6 Euro.

Kino für den Knast

Tegel – Tegel – Im Rahmen der Reihe „Berlinale Goes Kiez“ wird am 23. Februar im Kultursaal der JVA für die Insassen der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume gezeigt. Der Filmstoff beruht auf wahren Begebenheiten. Im Anschluss steht Regisseur für ein Gespräch zur Verfügung. Festivalchef Dieter Kosslick: „Mit der Sonderveranstaltung wird die Reihe noch mehr ihrem Anliegen gerecht, Barrieren abzubauen sowie kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.