Buchläden mit eigener Identität

Auf Augenhöhe mit dem Leser-Nachwuchs: Christiane Schulz-Rother. Auf Augenhöhe mit dem Leser-Nachwuchs: Christiane Schulz-Rother. Foto: du

 Bezirk – Buchhändlerin Christiane Schulz-Rother hat als Inhaberin der Tegeler Bücherstube die Glienicker Bücherstube sowie als Letztes die Frohnauer Traditionsbuchhandlung Haberland erworben. Außerdem gehört ihr noch ein Buchgeschäft in Tempelhof. Unser Autor Harald Dudel wollte von ihr wissen, wie sich ihre kleinen Buchläden gegen den Internethandel und die Konkurrenz der Großmärkte behaupten können.

 

Frau Schulz-Rother, Sie besitzen drei von fünf Buchhandlungen in Reinickendorf. Das ist schon eine kleine Kette. Deshalb meine Frage: Fühlen Sie sich Sie sich als Großer unter den Kleinen oder als Kleiner unter den Großen?
Auf jeden Fall als Großer unter den Kleinen.

Wieviel Bücher gehen bei Ihnen durchschnittlich über Ihre Ladentische?
Das hängt natürlich sehr von der Saison ab. Spitzenreiter ist und bleibt Weihnachten, aber auch Ostern und die Zeit vor dem Sommerlaub schlagen zu Buche – im Gegensatz zu Monaten wie Mai und Februar. Alles in allem gehen pro Buchhandlung täglich zirka 150 Titel über die Ladentische. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Standorten.

Worin unterscheiden Sie sich von Großketten wie Thalia?
Ich lasse den Buchhandlungen, die ich übernommen habe, ihre Identität und ihren Namen. Schließlich besitzen sie alle ihren eigenen Charakter, ihr eigenes Personal und ihre eigene Geschichte. Das bindet jeweils eine eigene Stammkundschaft. Daran wird sich unter meinem Dach nichts ändern.

Gibt es noch mehr Unterschiede zu den Großen?
Bei uns wird jeder Kunde persönlich bedient. Da findet er seinen Verkäufer, mit dem er sich über Bücher unterhalten kann und der nach einiger Zeit auch schon weiß, welche Titel er seinen Kunden empfehlen kann. Sie müssen nicht, wie in einem großen Markt, erstmal suchen, in welcher Abteilung sich der gewünschte Titel befinden könnte.

Und darüber hinaus?
Wir verschicken einen monatlichen Newsletter, in dem unsere Buchhändler ihre persönlichen Favoriten empfehlen, und wir sind auf den monatlichen Lesungen in der Humboldt- Bibliothek sowie im Centre Bagatelle regelmäßig mit einem Büchertisch vertreten. Außerdem veranstalten wir zwei Mal im Jahr Buchvorstellungsabende und drei Mal Leseclubtreffen.

Da müssen Sie und Ihre Buchhändler wohl ganz schön viel lesen?
Und ob! Es gibt zwar kein festes Reglement, aber so ungefähr sechs zumindest angelesene Titel im Monat braucht es schon, um Empfehlungen auszusprechen, die richtigen Bände bei den Verlagen einzukaufen sowie ganz allgemein und up to date zu bleiben.

Was tun Sie für den Lesenachwuchs?
Wir veranstalten beispielsweise in Tegel zwei Mal im Jahr sogenannte Schmöker-Abende für Kids, bei denen meine Kollegin und ich jeweils ein Buch kurz vorstellen. Anschließend können die Kinder anderthalb Stunden lang bei Süßigkeiten und Säften nach Herzenslust schmökern. Diese Abende sind bei Kindern und Eltern sehr beliebt.

Glauben Sie, gegen die Konkurrenz der Bücher-Supermärkte bestehen zu können?
Ja sicher, sonst würde ich kaum mein ganzes Engagement und meinen Enthusiasmus hier reinstecken. Übrigens hat in Tegel unlängst ja auch eine Thalia-Buchhandlung geschlossen. Am Potsdamer Platz in den Einkaufszentren findet sich keine einzige Buchhandlung mehr. Sie sehen, auch die Großen haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Deshalb glaube ich, dass gerade wir Kleinen mit unserem personalisierten Service eine echte Chance haben. Auch weil die Kunden immer mehr unter dem Aspekt „buy local“, also vor Ort, kaufen wollen.

Wie steht es mit E-Books: Ist das gedruckte Buch dem gegenüber auf einem Rückzug?
Das wurde bei jeder Medien-Einführung prophezeit: Beim Film, beim Fernsehen, den sogenannten „Neuen Medien“ und zuletzt beim E-Book. Noch vor fünf Jahren haben Leute behauptet, dass das gedruckte Buch gegenüber dem E-Book auf dem Rückzug sei. Aber sehen Sie sich die Zahlen an: E-Books liegen in Deutschland bei ungefähr zehn Prozent. Und manche kaufen sich sogar ein gedrucktes Buch plus E-Book, um zu Hause sehr ästhetisch zu lesen und auf Reisen nicht so viel Fluggepäck mitnehmen zu müssen. Das gedruckte Buch hat nichts an Attraktivität verloren, zumal die Verlage ihre Bände inzwischen wieder sehr schön ausstatten. Damit kann das EBook nicht mithalten und auch als Geschenk macht sich einfach ein gedrucktes und gebundenes Werk viel besser.

Wie bedeutsam ist die Konkurrenz durch den Internet-Handel?
Internet-Bestellungen machen uns schon zu schaffen. Dazu auch noch dieser Irrsinn, dass die bestellten Waren tagsüber ausgeliefert werden, wenn die Menschen auf Arbeit sind. Dann müssen sie ihre Sendungen auf der Post bei uns gegenüber abholen. Wir fahren dagegen längst zweigleisig: Man kann auf unserer Website ebenfalls bestellen und die Ware entweder bei uns abholen oder diese sich kostenfrei nach Hause liefern lassen. Auch E-Books lassen sich bei uns im Laden ganz regulär bezahlen. Der Kunde bekommt dann einen Link zum Herunterladen nach Hause geschickt. So spart man sich die Eingabe von Kreditkarten-Daten und unterstützt uns als lokale Buchhandlung.

Schauen Sie bitte mal fünf Jahre voraus – was wünschen Sie sich?
Für die nächsten fünf Jahre wünsche ich mir, dass sich die Reinickendorfer wieder bewusst werden, wie schön es doch ist, ein Buch in die Hand zu nehmen, sich mit einer Tasse Tee oder einem Glas Wein in den Sessel zu setzen und sich dabei gut zu fühlen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Interview Harald Dudel 

 

Die drei Buchhandlungen im Großraum Reinickendorf:

Die 1947 gegründete Tegeler Bücherstube in der Grußdorfstraße ist die Stammbuchhandlung. Neben einem Schwerpunkt für Kinder- und Jugendbücher gibt es wegen der umliegenden Schulen auch einen größeren Bereich zum Thema Schulbuch. Im September feiert sie 70. Geburtstag.
Die Glienicker Bücherstube entstand im Zuge der Neubebauung der Glienicker Spitze. Ihr Einzugsgebiet erstreckt sich vom Sonnengarten bis nach Hohen-Neuendorf. Die Buchhandlung Haberland in Frohnau gehört erst seit einem knappen Jahr zum Verbund. Sie ist 1932 gegründet worden und feiert in diesem Jahr 85-jähriges Bestehen. Außerhalb Reinickendorfs kommt noch die Buchhandlung Menger in Tempelhof in Tempelhof hinzu. www.tegeler-buecherstube.de, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 24 August 2017 08:44

RAZePaperKombi Banner300x136 RAZ App Kombi Banner 300x136 iphone RAZ App Kombi Banner 300x136 B

Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

Debüt „Außer sich“

Tegel – Zu einer Lesung mit Sasha Marianna Salzmann lädt die Humboldt-Bibliothek in der Karolinenstraße 19 am Mittwoch, 14. Februar, um 19.30 Uhr ein. Die Autorin präsentiert ihr Romandebüt „Außer sich“, das zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2017 gehörte. Es ist die Geschichte des Zwillingpaares Alissa und Anton, die in Moskau aufwachsen und mit den Eltern nach Westdeutschland gehen. Eines Tages verschwindet Anton und Alissa macht sich auf die Suche nach ihm. Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater zeigt eine sehr eigene Sprache und ein virtuoses Spiel mit Raum und Zeit in der Schilderung des Geschehens. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf im Rahmen von „Lesezeichen – Literatur live in Tegel“ statt. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Philosophisches Café

Märkisches Viertel –  Märkisches Viertel – Im Philosophischen Café findet am 19. Februar, 15 bis 17 Uhr die Veranstaltung „Falsche Wertrealsierung“ statt. Kosten: 3 Euro. Ort: Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32.

Offenes Singen

Hermsdorf –  Am 16. Februar gibt es von 19.30 Uhr bis 21 Uhr ein „Offenes Singen“ im Gemeindesaal der Apostel-Paulus-KG in der Wachsmuthstraße 25. Eingeladen sind alle, die Freude am Singen haben. Gesungen werden Hits und Evergreens von damals bis heute Der Eintritt kostet 6 Euro.

Kino für den Knast

Tegel – Tegel – Im Rahmen der Reihe „Berlinale Goes Kiez“ wird am 23. Februar im Kultursaal der JVA für die Insassen der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume gezeigt. Der Filmstoff beruht auf wahren Begebenheiten. Im Anschluss steht Regisseur für ein Gespräch zur Verfügung. Festivalchef Dieter Kosslick: „Mit der Sonderveranstaltung wird die Reihe noch mehr ihrem Anliegen gerecht, Barrieren abzubauen sowie kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.