Unterstützung im Künstlersein

Stefanie Erdenberger und Mohammed Hussain Ghulais vor resiArt Stefanie Erdenberger und Mohammed Hussain Ghulais vor resiArt Foto: ima

Reinickendorf – Die Residenzstraße an einem Freitagnachmittag. Hausnummer 132. Eine Ladenfläche. Ein Schaufenster, in dem sich das Straßengeschehen spiegelt. Ein Passant bleibt stehen, blickt hinein. Leinwände auf Staffeleinen. Zeichnungen an den Wänden. „Hier kommen viele Menschen vorbei, deswegen haben wir uns für die Residenzstraße entschieden. Wäre der Raum zum Beispiel in Hermsdorf, würde er weniger wahrgenommen werden“, sagt Stefanie Erdenberger. Die junge Frau mit langen rot gefärbten Haaren, schwarzem Tanktop und Jeans hat gerade aufgeschlossen. Die studierte Kunstwissenschaftlerin betreut den Projektraum „resiArt“, der im Mai vom Kunstamt und vom Museum Reinickendorf eingerichtet und konzipiert wurde, um geflüchteten Künstlern einen Ort zum Arbeiten zu geben. Finanziert wird er aus Mitteln des Masterplans Integration und Sicherheit der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen.

Zurzeit sind hier Zeichnungen zu sehen, die geflüchtete Jugendliche aus einer Willkommensklasse der Carl-Bosch-Oberschule in einem Workshop gezeichnet haben. Die Aufgabe: Den Fluchtweg in einem Bild darstellen. Neben den Bildern hängen Din-A4-Blätter, auf denen die Geschichten der Workshop-Teilnehmer stehen. „Ihre Erlebnisse haben mich sprachlos gemacht“, sagt die Kunstwissenschaftlerin.

IMG 2899Geflüchtete Kinder erzählen mit Zeichnungen ihre Geschichten. Foto: : ima

Zuvor wurden im Projektraum bereits Werke der teilnehmenden Künstler ausgestellt. Außerdem hat Erdenberger mit ihnen die Atelier-Etage in Alt-Reinickendorf besucht. Besuche im Künstlerhof Frohnau und dem Kunstzentrum Tegel-Süd stehen noch aus. Die Geflüchteten sollen sich mit deutschen Künstlern austauschen. „Viele der Teilnehmer haben in ihrer Heimat nicht als Künstler gearbeitet und wünschen sich nun, in Berlin mit Kunst Geld zu verdienen“, erzählt Erdenberger.

Mohammed Hussain Ghulais betritt den Raum. Schwarze Jogginghose, Sportshirt und Geheimratsecken. Der irakische Künstler ist seit Juni bei resiArt dabei. Er baut seine Staffelei auf. „Mit neun Jahren habe ich mit dem Malen und der Bildhauerei angefangen“, sagt er. Im Jahr 2015 kam er nach Berlin. Auf seinem Smartphone zeigt er seine Bilder. Das erste zeigt das Gesicht eines jungen schwarzen Mannes. Es ist mit Öl-Farbe gemalt. Die Haut, auf der Schweißperlen stehen, glänzt. Die Augen blicken den Betrachter selbstbewusst an und verbergen zugleich einen verletzlichen Kern. In ihrer Doppelbödigkeit ähneln sie dem Künstler, der mit dominantem Selbstbewusstsein auftritt. Kunst ist das Spiegelbild seiner inneren Erfahrungswelt. „Heute bin ich angespannt, dann fließt das in mein Bild. Morgen treffe ich vielleicht liebe Menschen, dann wird das auch in das Bild fließen“, erklärt er.

Mohammed beschwert sich. Seine Kunst würde nicht wahrgenommen werden. Immer wieder sagt er, dass er die Nummer eins in Berlin wäre. Er erzählt von einer Politikerin, die bei einer Ausstellung in Marzahn-Hellersdorf von fünf Bodyguards umringt auf ihn zukam und ihm sagte, dass ihr seine Kunst gefällt und sie sich bei ihm melden wird. Das war vor zwei Monaten, aber es ist nichts passiert. Er erzählt weiter, dass er in einer Galerie in Mitte war und dort der Galeristin auf seinem Handy seine Bilder zeigte. Sie sagte ihm, dass er wiederkommen könne, wenn er berühmt sei. Seine Antwort: Dass das, was in ihrer Galerie hängen würde, keine Kunst sei. Ohnehin findet er, deutsche Künstler würden keine Kunst machen. Für ihn, so scheint es, ist er der einzige wahre Künstler. „In Berlin werden Künstler nicht von der Regierung unterstützt“, sagt er. Stefanie Erdenberger legt ihre Hand auf seine Schulter. „Ich bin auch von der Regierung“, sagt sie und lächelt freundlich.

Das Ziel von resiArt ist, die Künstler in der deutschen Kunstszene zu vernetzen und ihnen Ansatzpunkte zu geben, wo sie weitermachen können, wenn das Projekt beendet ist. „Das Projekt ist nur bis zum Ende des Jahres angelegt. Ob es dann verlängert wird, wissen wir noch nicht“, erklärt Erdenberger. „Wir möchten die Teilnehmer in ihrem Künstlersein unterstützen. Zeitgleich sage ich ihnen auch, dass man in Deutschland tendenziell nicht von seiner Kunst leben kann.“

Für August plant sie unter dem Titel „Draw A Line“ einen Zeichenkurs (weitere Infos in den Top-Terminen). Zu diesem Kurs sind außer Geflüchtete auch kunstinteressierte Reinickendorfer eingeladen – resiArt soll ein Ort der Begegnung sein. „Wir wollen, dass die Menschen sehen, was wir hier machen“, sagt die Kunstwissenschaftlerin. „Gerade in der Residenzstraße haben einige, die schon lange hier wohnen, Vorbehalte gegenüber Geflüchteten und Ausländern im Allgemeinen.“ Durch die Begegnung sollen Vorurteile abgebaut werden. ima

Letzte Änderung am Mittwoch, 09 August 2017 10:02

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Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

Debüt „Außer sich“

Tegel – Zu einer Lesung mit Sasha Marianna Salzmann lädt die Humboldt-Bibliothek in der Karolinenstraße 19 am Mittwoch, 14. Februar, um 19.30 Uhr ein. Die Autorin präsentiert ihr Romandebüt „Außer sich“, das zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2017 gehörte. Es ist die Geschichte des Zwillingpaares Alissa und Anton, die in Moskau aufwachsen und mit den Eltern nach Westdeutschland gehen. Eines Tages verschwindet Anton und Alissa macht sich auf die Suche nach ihm. Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater zeigt eine sehr eigene Sprache und ein virtuoses Spiel mit Raum und Zeit in der Schilderung des Geschehens. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf im Rahmen von „Lesezeichen – Literatur live in Tegel“ statt. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Philosophisches Café

Märkisches Viertel –  Märkisches Viertel – Im Philosophischen Café findet am 19. Februar, 15 bis 17 Uhr die Veranstaltung „Falsche Wertrealsierung“ statt. Kosten: 3 Euro. Ort: Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32.

Offenes Singen

Hermsdorf –  Am 16. Februar gibt es von 19.30 Uhr bis 21 Uhr ein „Offenes Singen“ im Gemeindesaal der Apostel-Paulus-KG in der Wachsmuthstraße 25. Eingeladen sind alle, die Freude am Singen haben. Gesungen werden Hits und Evergreens von damals bis heute Der Eintritt kostet 6 Euro.

Kino für den Knast

Tegel – Tegel – Im Rahmen der Reihe „Berlinale Goes Kiez“ wird am 23. Februar im Kultursaal der JVA für die Insassen der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume gezeigt. Der Filmstoff beruht auf wahren Begebenheiten. Im Anschluss steht Regisseur für ein Gespräch zur Verfügung. Festivalchef Dieter Kosslick: „Mit der Sonderveranstaltung wird die Reihe noch mehr ihrem Anliegen gerecht, Barrieren abzubauen sowie kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.