Redaktionsalltag hinter Gittern

In dem Gefangenenmagazin „der lichtblick“ werden brisante Gefängnisthemen behandelt – und das unzensiert. In dem Gefangenenmagazin „der lichtblick“ werden brisante Gefängnisthemen behandelt – und das unzensiert. der lichtblick

Tegel – Neben der Metalltür hängen Zeitungsartikel. Monitore auf Schreibtischen, auf denen sich auch Magazine und Zettel stapeln. Kaffee dampft heiß aus der Tasse, während sich der Raum mit Zigarettenrauch füllt. „Wir haben alles hier aus Spenden finanziert“, sagt Vito und zeigt auf die Redaktionsräume von „der lichtblick“ – einziges unzensiertes und weltweit größtes Gefangenenmagazin – dessen Redaktion sich hinter den grauen Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel in der Teilanstalt II befindet. Diese ist panoptisch gebaut, das heißt, man kann vom obersten Stockwerk zum untersten hinunterschauen; hinzu kommen die niedrigen gelben Wände. Komplette Überwachung bei maximaler Enge.

Im Oktober 1968 initiierte der damalige Anstaltsleiter das Projekt Gefangenenmagazin, an dem ursprünglich zehn Häftlinge mitarbeiteten. Einerseits sollte die Möglichkeit gegeben werden, „Dampf abzulassen“, andererseits wollte man auch eine Brücke zu den Beamten bauen. „Es war sicher auch der Zeit geschuldet, dass ein solches unzensiertes Format entstehen konnte“, sagt der studierte Germanist Mario. Inzwischen wird die Zeitschrift europaweit vertrieben und Exemplare nach Brasilien, Kanada und in die USA verschickt.

Das Redaktionsteam ist zurzeit vier Mann stark. Neben Mario und Vito, der in seinem früheren Leben „Baufuzzi“ war, arbeiten noch der gelernte Fliesenleger Andreas und der ehemalige Finanzbeamte Norbert hier. Um an der Zeitschrift mitarbeiten zu können, muss man einen Probeartikel schreiben, dann wird der Bewerber genau unter die Lupe genommen. Sagt einer aus dem Team Nein, ist er abgelehnt. Bewährt sich der Kandidat, wird er der Anstaltsleitung vorgeschlagen, die dann eine finale Entscheidung trifft.

Auch schlechte Erfahrungen hat das Team bereits mit Mitarbeitern gemacht. Ein Ehemaliger hatte behauptet, dass in der Redaktion Kinderpornos gebrannt werden. Darauf folgten eine erfolglose Durchsuchung und die Klärung des rechtlichen Status des Verlags, der eine GbR ist und daher nur mit richterlichem Beschluss durchsucht werden darf.

DSCN5328Redaktionsräume hinter Gefängnismauern: Hier entsteht „der lichtblick“. Foto: der lichtblick

„Der Vollzug schreibt jeden Tag die besten Stories“, sagt Vito und fügt mit einem Grinsen hinzu: „Nichts ist sicher vor uns.“ Eines der Hauptanliegen ihrer Arbeit ist, Missstände im Vollzug zu benennen: unter anderem Personalnot, aber auch Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsmedikation. Die Redaktion ist außerhalb des Gefängnisses gut vernetzt. Die Recherchen laufen über Informanten. So stoßen sie immer wieder auf Skandale. Viele Themen kommen auch über Leserbriefe.

Ein weiteres Thema, das häufig seinen Weg in das Magazin findet, ist die Nachhaltigkeit von Strafvollzug. „Alle kommen schlimmer raus, als sie reingekommen sind“, sagt Andreas. „Studien zeigen, dass jeder in den Vollzug investierte Euro 9 Euro spart“, fügt Mario hinzu. Dadurch könne auch die Sicherheit gesteigert werden, wenn Straftäter wieder auf freien Fuß kommen. „Wir müssen von der Mentalität weg, die Menschen nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe mit einem blauen Müllsack auf die Straße zu setzen“, erklärt Norbert. Meistens bleibt den Ex-Häftlingen dann nur die Obdachlosigkeit – oder sie sind abhängig von Sozialhilfe. Rentenansprüche hat man keine, selbst wenn man im Gefängnis gearbeitet hat.

Auch Suizide beschäftigen die Redaktion. Denn jeder Selbstmord hat einen Hintergrund. Das können Disziplinarmaßnahmen sein, aber auch der Personalmangel bei der psychologischen Betreuung spielt hier eine große Rolle. Die Häftlinge werden nicht genügend betreut.

Bereits in den Anfängen von „der lichtblick“ hatte die damalige Redaktion sich mit ähnlichen Problemen auseinander gesetzt. Frustration? Mario antwortet: „Man kommt drüber hinweg, aber gerade am Anfang ist sie groß. Und dann kommt natürlich auch noch der normale Haftalltag dazu.“

Ist das, was sie machen, Journalismus? „Im weitesten Sinne ja. Wir legen den Finger in die Wunde“, sagt Vito. Für sie ist Journalismus möglichst nur vom Recht beschränkt. Außerdem haben sie keinen Druck, weder finanziell noch von oben. „Ein großer Vorteil für uns ist, dass uns niemand ernst nimmt, denn wir sind ja Knackis“, sagt Mario. ima

 „der lichtblick“ kann kostenlos und formlos unter Tel. (030) 90147-2329, an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder unter www.lichtblick-zeitung.com sowie „Redaktionsgemeinschaft, der lichtblick, Seidelstraße 39, 13507 Berlin“ abonniert werden. Die Redaktion ist, um die Gefangenenzeitung zu produzieren, auf Spenden angewiesen. Spendenkonto: der lichtblick, Deutsche Bank PKG AG, IBAN: DE67 1007 0848 0170 4667 00, BIC (Swift): DEUTDEDB110
Letzte Änderung am Sonntag, 26 November 2017 17:06

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Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

Debüt „Außer sich“

Tegel – Zu einer Lesung mit Sasha Marianna Salzmann lädt die Humboldt-Bibliothek in der Karolinenstraße 19 am Mittwoch, 14. Februar, um 19.30 Uhr ein. Die Autorin präsentiert ihr Romandebüt „Außer sich“, das zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2017 gehörte. Es ist die Geschichte des Zwillingpaares Alissa und Anton, die in Moskau aufwachsen und mit den Eltern nach Westdeutschland gehen. Eines Tages verschwindet Anton und Alissa macht sich auf die Suche nach ihm. Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater zeigt eine sehr eigene Sprache und ein virtuoses Spiel mit Raum und Zeit in der Schilderung des Geschehens. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf im Rahmen von „Lesezeichen – Literatur live in Tegel“ statt. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Philosophisches Café

Märkisches Viertel –  Märkisches Viertel – Im Philosophischen Café findet am 19. Februar, 15 bis 17 Uhr die Veranstaltung „Falsche Wertrealsierung“ statt. Kosten: 3 Euro. Ort: Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32.

Offenes Singen

Hermsdorf –  Am 16. Februar gibt es von 19.30 Uhr bis 21 Uhr ein „Offenes Singen“ im Gemeindesaal der Apostel-Paulus-KG in der Wachsmuthstraße 25. Eingeladen sind alle, die Freude am Singen haben. Gesungen werden Hits und Evergreens von damals bis heute Der Eintritt kostet 6 Euro.

Kino für den Knast

Tegel – Tegel – Im Rahmen der Reihe „Berlinale Goes Kiez“ wird am 23. Februar im Kultursaal der JVA für die Insassen der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume gezeigt. Der Filmstoff beruht auf wahren Begebenheiten. Im Anschluss steht Regisseur für ein Gespräch zur Verfügung. Festivalchef Dieter Kosslick: „Mit der Sonderveranstaltung wird die Reihe noch mehr ihrem Anliegen gerecht, Barrieren abzubauen sowie kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.