Erinnerungen an Reinickendorf

Erdmann Kühn, alias Friedel, ist der Junge auf der Schaukel. Erdmann Kühn, alias Friedel, ist der Junge auf der Schaukel. Foto: ks

Reinickendorf – Friedel ist ein kleiner Junge und hat einen grünen Roller. Es ist ein Modell mit Rücktrittsbremse und Berlin-Fähnchen am Gepäckträger. Damit fährt Friedel gern die Baseler Straße hinunter, biegt links am kleinen Eckladen in den Grindelwaldweg ein, um in der Aroser Allee herauszukommen. Die ist zwar schon damals, zu Beginn der 1960er Jahre, stark befahren, doch auf dem breiten Mittelstreifen lässt sich prima rollern. Großen Eindruck auf Friedel macht auch der Doppeldeckerbus der Linie 12, die seinerzeit dort verkehrt. Der dicke Mann von der Doornkaat-Werbung lächelt ihm freundlich zu, auch wenn er mit dem Getränk als Bube wenig anfangen kann.

Der Name Friedel ist natürlich frei erfunden, doch trotzdem hat der Protagonist in dem Roman „Der Junge auf der Schaukel“ einen realen Hintergrund. Der Autor Erdmann Kühn, geboren 1956, beschreibt in dem literarischen Werk seine Kindheitsjahre zur Zeit des Mauerbaus. Er lebt damals im Pfarrhaus der Evangelischen Luthergemeinde in der Baseler Straße. Die Schaukel hängt tatsächlich im Garten, es gibt sogar ein Baumhaus. Die Kindheit scheint weitgehend unbeschwert, auch wenn die Mutter viel zu früh stirbt. Friedel, respektive Erdmann, verbringt die Freizeit mit Gleichaltrigen, der Schäfersee ist das bevorzugte Revier. Besonders angetan hat es dem Jungen die Eisfabrik Mudrack und die dreirädrigen Lieferfahrzeuge für die Eisblöcke. In Zeiten, in denen Lebensmittel noch mit in Zinkblech ausgekleideten Holztruhen gekühlt werden, stellt die Belieferung ein großes Ereignis dar. Friedel versucht, mit seinem Roller den Lieferwagen zu überholen, um die Mieter durch die Briefklappe zu informieren „Der Eismann kommt“.

Vieles in dem Roman ist autobiografisch, wenn auch nicht alles. „Es ist eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit“, sagt der Schriftsteller. Vieles sei so oder so ähnlich passiert, an manches könne man sich aber nach rund einem halben Jahrhundert auch nicht mehr erinnern, bittet der Schreiber um Verständnis. Der Pfarrerssohn zieht übrigens später mit dem Vater und fünf Geschwistern nach Heiligensee, entdeckt nun, in der fortgeschrittenen Jugend, neue Gegenden, andere Ortsteile. Im Jahr 1975 macht Erdmann Kühn sein Abitur am Georg- Herwegh-Gymnasium.

Es ist nur konsequent, dass die Geschichte um Friedel eine Fortsetzung findet. In einem weiteren Roman mit dem Titel „Abschied von Berlin“ schildert der Erzähler auf 300 Seiten seine Erlebnisse vom ersten Kuss auf der Rückbank eines Autos und von der ersten Teilnahme an einer Demo als Zwölfjähriger. Es geht um Mädchen, um Rauchen, um die Disko; wer erinnert sich nicht gern daran? Frohnau, Hermsdorf, Waidmannslust und Heiligensee sind die Schauplätze des Geschehens.

„Eddie“, so der Spitzname, zieht übrigens zum Studium ins Rheinland, wird Lehrer für Kunst, Musik, Deutsch und Geschichte. Der verheiratete Familienvater hat außer der Leidenschaft für das Schreiben noch weitere Talente. Er macht Musik, ist seit 1984 Leiter des Kölner Chores „Unerhört“. Die beiden Friedel-Romane sind ebenso wie drei weitere Veröffentlichungen über den Buchhandel zu beziehen. ks

Letzte Änderung am Mittwoch, 09 August 2017 07:47

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Meldungen kurz & knapp

Kunst | Kultur | Kreatives

Debüt „Außer sich“

Tegel – Zu einer Lesung mit Sasha Marianna Salzmann lädt die Humboldt-Bibliothek in der Karolinenstraße 19 am Mittwoch, 14. Februar, um 19.30 Uhr ein. Die Autorin präsentiert ihr Romandebüt „Außer sich“, das zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2017 gehörte. Es ist die Geschichte des Zwillingpaares Alissa und Anton, die in Moskau aufwachsen und mit den Eltern nach Westdeutschland gehen. Eines Tages verschwindet Anton und Alissa macht sich auf die Suche nach ihm. Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater zeigt eine sehr eigene Sprache und ein virtuoses Spiel mit Raum und Zeit in der Schilderung des Geschehens. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf im Rahmen von „Lesezeichen – Literatur live in Tegel“ statt. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Philosophisches Café

Märkisches Viertel –  Märkisches Viertel – Im Philosophischen Café findet am 19. Februar, 15 bis 17 Uhr die Veranstaltung „Falsche Wertrealsierung“ statt. Kosten: 3 Euro. Ort: Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum, Günter-Zemla-Haus, Eichhorster Weg 32.

Offenes Singen

Hermsdorf –  Am 16. Februar gibt es von 19.30 Uhr bis 21 Uhr ein „Offenes Singen“ im Gemeindesaal der Apostel-Paulus-KG in der Wachsmuthstraße 25. Eingeladen sind alle, die Freude am Singen haben. Gesungen werden Hits und Evergreens von damals bis heute Der Eintritt kostet 6 Euro.

Kino für den Knast

Tegel – Tegel – Im Rahmen der Reihe „Berlinale Goes Kiez“ wird am 23. Februar im Kultursaal der JVA für die Insassen der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume gezeigt. Der Filmstoff beruht auf wahren Begebenheiten. Im Anschluss steht Regisseur für ein Gespräch zur Verfügung. Festivalchef Dieter Kosslick: „Mit der Sonderveranstaltung wird die Reihe noch mehr ihrem Anliegen gerecht, Barrieren abzubauen sowie kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.