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Gleichstellungsbeauftragte im Interview

Brigitte Kowas kümmert sich um die Belange von Frauen im Bezirk. Brigitte Kowas kümmert sich um die Belange von Frauen im Bezirk. Foto: privat

Reinickendorf - Brigitte Kowas ist Mutter und berufstätig. Was heute eigentlich kein Problem darstellen sollte, dafür haben viele Frauen lange gekämpft und kämpfen auch heute noch. Denn Familie und Beruf erfolgreich unter einen Hut zu bekommen ist auch heute nicht einfach. Und wohl niemand erlebt den „Kampf der Frauen“ so hautnah mit wie Brigitte Kowas. Sie ist seit 2004 Gleichstellungsbeauftragte im Bezirksamt Reinickendorf, noch dazu Sprecherin der Landesgleichstellungsbeauftragten und derzeit als Sprecherin und Interessenvertreterin der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Bundesarbeitsgemeinschaft tätig. Die Reinickendorfer Allgemeine Zeitung kam mit ihr ins Gespräch.

Frau Kowas, es gibt immer wieder Gespräche um Frauenquoten, Unternehmen wollen mehr Frauen in Führungsebenen, wir haben eine Bundeskanzlerin, und bereits Schülerinnen bekommen beim Girls‘Day vermittelt, dass es keine Berufe gibt, in denen Frauen nicht arbeiten können. Ist eine Gleichstellungsbeauftragte im Hinblick auf Frauenrechte heute überhaupt noch notwendig?

Brigitte Kowas: Es würde mich sehr freuen, wenn wir 2016 sagen könnten, die Gleichstellung der Geschlechter sei erreicht! Der 1949 in die Verfassung Artikel 2 Abs. 3 aufgenommene Passus „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, ist bis heute nicht eingelöst. Es gibt sicher in den vergangenen Jahren gute Entwicklungen, wie z. B. das Gesetz zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in Führungspositionen. In Deutschland arbeiten nur vier Prozent der Frauen in Führungspositionen bei börsenorientierten Unternehmen, da ist Deutschland ein Schlusslicht im Europäischen Vergleich. Es zeichnen sich positive Tendenzen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab, die Angebote zur Kinderbetreuung werden ausgeweitet, das Elterngeld und Elterngeld Plus wurde eingeführt, das Kindergeld wurde erhöht, alles Impulse, die in die richtige Richtung gehen. Wie aber ist die Realität? Mädchen und Frauen erzielen bessere Schulabschlüsse, sie sind bis zur Familienbildung auch im Beruf erfolgreich, dann jedoch trennen sich die Wege, Frauen kümmern sich um die Kinder, stecken bei der Karriere zurück. In Berlin sind mehr Frauen berufstätig, jedoch hauptsächlich in Minijobs oder Teilzeit.

Wie kann man das ändern?

Wir brauchen eine familienfreundliche Arbeitswelt, flexible Arbeitszeiten und ein Familienmodell, bei dem beide ihrem Beruf und auch der Verantwortung in der Kinderbetreuung nachgehen. Jede dritte Ehe wird geschieden, Frauen müssen ihren Lebensunterhalt selbst aufbringen, erst kümmern sie sich um die Kinder und dann um die pflegebedürftigen Eltern, und im Alter sind sie arm. Altersarmut betrifft vornehmlich Frauen! Die Lohnungleichheit in Deutschland liegt bei 22 Prozent zwischen Frauen und Männern, am 19. März findet der Equal Pay Day statt, an diesem Tag können Frauen in verschiedenen Geschäften in Berlin auf ausgewiesene Produkte 22 Prozent erhalten. Ich denke also, es gibt noch viel zu tun, bis wir von tatsächlicher Gleichberechtigung sprechen können.

Sie sind Gleichstellungsbeauftragte im Bezirksamt Reinickendorf, wie würden Sie Ihr Aufgabenspektrum beschreiben?

Mein Aufgabenfeld ist vielfältig, ich arbeite mit Verbänden und Institutionen im Bezirk als auch auf der Landes- und Bundesebene eng zusammen. Ich berate das Bezirksamt zu Fragen der Gleichstellung und bin gleichzeitig Beauftragte für das Fachgebiet Gender Mainstreaming. Ganz besonders engagiere ich mich beim Thema Gewaltschutz für Frauen. Jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben körperliche und/ oder psychische Gewalt und das im ganz nahen familiären Rahmen. Gewalt ist keine Privatsache, das gehört an die Öffentlichkeit. Die Vorkommnisse in Köln haben gezeigt, wo die Schutzlücken in der Gesetzgebung liegen.

Seit wann gibt es hier im Bezirk eine Gleichstellungsbeauftragte? Warum wurde diese Position geschaffen?

Ich arbeite seit 2004 für den Bezirk Reinickendorf als Gleichstellungsbeauftragte. Die Grundlage meiner Arbeit ist das Grundgesetz, die Berliner Verfassung und das Landesgleichstellungsgesetz § 21 Abs. 1-5, das das Recht auf die Gleichstellung der Geschlechter beschreibt.

Welcher Fall ist Ihnen in Ihrer beruflichen Laufbahn im Gedächtnis geblieben?

Ich stehe im engen Austausch mit Frauen und erfahre in meinen Sprechstunden viel über die persönlichen Nöte und Sorgen, angefangen von häuslicher Gewalt, Zwangsverheiratung, dramatischen Trennungs- und Scheidungssituationen, Zugangsbarrieren von Frauen zum Arbeitsmarkt. Hier ist mir ganz besonders eine junge alleinerziehende Mutter in Erinnerung, die nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen wollte. Sie war im Verkauf tätig, und der Arbeitgeber war nicht bereit, der Frau übergangsweise eine Arbeitszeit zu geben, die im Rahmen der Kitabetreuung gelegen hätte. In der Konsequenz musste sie kündigen, da es im Bezirk keine Kitabetreuung oder Tagespflege gab, die auch bis 22 Uhr das Kind betreut hätte. Aktuell beschäftigt mich die Situation von geflüchteten Frauen und deren Unterbringungssituation in den Unterkünften.

Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft irgendwann so funktioniert, dass keine Gleichstellungsbeauftragten mehr benötigt werden? Dass Integration, Inklusion und Gleichberechtigung zur Selbstverständlichkeit werden?

Sie sehen, es gibt noch viel zu tun, und es müssen noch dicke Bretter gebohrt werden. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich diesen gesellschaftlichen Gleichstand noch erlebe.

Am 8. März fand wieder der Internationale Frauentag statt. Was für eine Bedeutung hat dieser Tag für Sie?

Der Internationale Frauentag – auch Weltfrauentag genannt – wird inzwischen stets am 8. März gefeiert und ist für Frauen auf der ganzen Welt ein wichtiges Datum. Der Tag geht auf die Arbeiterinnenbewegung von Mitte des 19. bis zum 20. Jahrhundert zurück. Erste entscheidende Momente waren Demonstrationen und Streiks von Textilarbeiterinnen in den USA 1858. Wie Sie sehen, ist auch nach über einhundert Jahren die Frage von gleicher Bezahlung und Bewertung von gleichwertiger Arbeit in der heutigen Zeit noch nicht umgesetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.
Interview Gabriele Schulte-Kemper

Letzte Änderung am Freitag, 23 September 2016 18:13