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Jahrestag einer spektakulären Flucht im März

Jahrestag einer spektakulären Flucht im März Foto: Privatbesitz D. Aagaard

Hermsdorf - Heute ist sie kaum noch zu sehen – die Grenze zwischen Ost und West, die Teilung der Stadt, das Symbol des Kalten Krieges. Vor allem junge Menschen können sich die Situation in der geteilten Stadt nicht mehr vorstellen. Wo vorher noch eine Straße verlief, gab es nun Stacheldraht, Mauer, Wachtürme, Soldaten und Todesstreifen. Doch auch die Geschichte der Kritik und des Widerstands und der zahlreichen geglückten und missglückten Fluchtversuche gerät in Vergessenheit oder wurde teilweise nie wirklich aufgedeckt. In der Zeit nach dem Mauerbau am 13. August 1961 bis ins Jahr 1982 wurden in Berlin 72 Tunnel gegraben, drei von ihnen in Glienicke. Einer dieser Tunnel ist der Aagaard-Tunnel, den Carl Nils-Martin Aagaard von 1962 bis 1963 gegraben hat. „Mein Vater hat damals in der Ottostraße 7 in Glienicke gewohnt, und die Mauer wurde 1961 direkt daneben aufgebaut“, erinnert sich Heidemarie Aagaard, „so verlief die Grenze direkt am Gartenzaun zur Hermsdorfer Veltheimstraße.“ Als die Familie Aagaard 1961 aus den Sommerferien aus der Tschechoslowakei zurückkam, war die Mauer errichtet worden, direkt hinter dem Haus, und der Grenzbereich stand fortan unter besonders scharfer Beobachtung. Wenn sie vor die Tür traten, mussten sie ihre Ausweise zeigen, ob sie zur Arbeit, zu Freunden oder nur spazieren gingen. Schnell wurden erste Wachsperren errichtet, direkt neben dem Haus Ottostraße 6. Heidemarie Aagaard selbst wohnte auf der anderen Seite – im Westen. Und selbst zu ihrer Hochzeit konnten ihre Eltern sie nicht besuchen kommen. Es gab Umsiedelungen im Grenzbereich und auch Zwangsräumungen. Der Druck war groß, die Aagaards hatten Angst und schmiedeten einen Fluchtplan. In den Sommerferien auf einem Campingplatz auf Rügen 1962 fiel die Entscheidung, einen Tunnel zu graben, zusammen mit Hans Willner, einem Freund aus Dresden. So könnten alle Familienmitglieder – einschließlich der 70-jährigen Großmutter und Schäferhund Ajax – fliehen. Die Distanz in den Westen konnte kaum kürzer sein, lediglich 40 Meter war der Grenzstreifen breit. Und auf der Westseite hinter der Mauer verlief ein kleiner Abhang, der ein Vorteil für die Flucht darstellte. „Ich erfuhr im August 1962 von meiner in Hamburg lebenden Schwester, die ja als Westdeutsche rüber durfte, dass Vater anfangen wird zu graben“, erinnert sie sich. Von da an war die Angst um ihre Familie im Osten ihr ständiger Begleiter: „Jedes Mal, wenn ich Schüsse hörte, zuckte ich zusammen“, erinnert sie sich. Die Willners waren befreundet mit Dr. Walter Müller, einem Zahnarzt, ebenfalls aus Dresden, und seinem Sohn Hans-Georg. Er wurde als Verwandter vorgestellt, der regelmäßig als armer Student zum Essen kommen würde. Aber eigentlich kam er zum Graben. Um kein Aufsehen zu erregen, und um Platz zu gewinnen, baute Carl Nils-Martin zunächst eine Terrasse am Haus, die er mit Betonplatten fundamentierte. Das signalisierte einerseits, dass er zu bleiben vorhatte und sich scheinbar auf Dauer einrichtete. Andererseits wurde es dadurch einfacher, aus dem Haus heraus zu graben. Zudem konnte ein Teil des benötigten Holzes zur Stützung des Tunnels unauffällig besorgt werden. Der Tunnel begann direkt unter der Terrassentür – hinter einem Tritt versteckt – vom Wohnzimmer aus. In fünfeinhalb Monaten entstand in einer Tiefe zwischen 2,5 und 3,3 Metern ein 46 Meter langer, etwa 60 Zentimeter breiter und 80 Zentimeter hoher Tunnel, den die Tunnelbauer mit allem verfügbaren Holz wie alte Fensterrahmen oder Dielen versteiften und mit einer Weihnachtsbaumkette beleuchteten. „Mein Vater war ein ganz taffer Mensch“, sagt Heidemarie Aagaard, „es ist schwer, einen Tunnel zu graben, mit einfachsten Mitteln, hauptsächlich mit den Händen oder einer Bratpfanne. Er war ein willensstarker Mensch: Alles, was er sich zum Ziel gesetzt hat, hat er erreicht“, sagt sie. Ein ganz großes Problem waren die riesigen Mengen an ausgegrabenem Sand – insgesamt rund 25 Kubikmeter. Es gab keinen Keller, also wurden in den Wohnräumen Zwischenwände und -decken eingezogen, und der Zwischenraum wurde mit Sand gefüllt. Sand wurde auch in Schubladen, Dachrinnen, Fernsehschränken und Badewannen, hinter Spiegeln, in Fahrradschläuchen und Kissen versteckt, jeder Hohlraum wurde ausgenutzt. Am 5. Oktober 1962 war Grabungsbeginn. Tagsüber wurde gegraben, nachts wurde der Sand versteckt. Am 8. März 1963 war der Durchbruch zur Veltheimstraße geschafft. Die Flucht erfolgte in der Nacht auf den 10. März 1963: Insgesamt 13 Personen durchquerten den niedrigen Tunnel, die siebzigjährige Großmutter Gertrud wurde auf einer Luftmatratze durch den Tunnel gezogen. „Dann begann das Warten vor dem Ausstieg, denn mein Vater wollte unbedingt, dass entweder ein West-Polizist oder ein Soldat der westlichen Alliierten anwesend sei, wenn sie aus dem Tunnel herauskämen“, erinnert sich Heidemarie Aagaard. Schließlich wäre die Gefahr, dass die Grenzsoldaten schießen würden, dadurch geringer gewesen. Zwei Stunden harrten sie im Tunnel hintereinander aus, bis Martin Willner, der den Tunnel allein verlassen hatte, um Hilfe zu holen, mit Polizisten zurückkehrte. Alle 13 erreichten unversehrt West- Berlin. kal

Letzte Änderung am Freitag, 23 September 2016 18:08