Klempnermeister Nr. 1006

Stolpersteine von Ludwig Sabat, seiner Tochter Frieda Antonius und deren Ehemann. Stolpersteine von Ludwig Sabat, seiner Tochter Frieda Antonius und deren Ehemann. .Foto: bek

Reinickendorf – Vorbeifahrende Autofahrer und zu Fuß gehende Passanten schauten etwas verwundert drein, als sie im trüben Novembergrau am Eichborndamm die kleine Traube von etwa 30 Menschen vor dem Haus mit der Nummer 84 erblickten. Die Innung SHK (Sanitär, Heizung, Klempner, Klima) und die AG Stolpersteine Reinickendorf hatten am Nachmittag des 16. November zu einer kleinen Gedenkfeier an den Stolpersteinen des ehemaligen jüdischen Innungsmitglieds Ludwig Sabat und zwei weiteren Familienmitgliedern geladen.

„Unsere diesjährige 400-Jahr-Feier war Ansporn, sich kritisch mit unserer Geschichte und unserem aktuellen Selbstverständnis auseinanderzusetzen. Und damit auch mit unserer Rolle während des Dritten Reiches“, sagte der Geschäftsführer der Innung, Dr. Klaus Rinkenburger.

Wie alle handwerklichen Organisationen habe sich auch die Innung SHK nicht gegen die Vereinnahmung der Nazis gewehrt. Bereits im Januar 1933 begann die Gleichschaltung mit dem Rücktritt des bürgerlichen Vorstands, die völkischen Töne auf den Innungsveranstaltungen wurden schärfer, jüdische Mitglieder boykottiert. „Bis 1939 wurden sie alle nach und nach aus unserer Mitte ausgeschlossen und aus der Handwerksrolle gelöscht. Der nationalsozialistische Vorstand äußerte sich stets zufrieden über die Fortschritte der verordneten und intern tolerierten Diskriminierung.“

Menschen wie Ludwig Sabat hatten keine Chance. „Wir, die Innung SHK Berlin, gedenken seiner in Dankbarkeit und Respekt“, sagte Dr. Rinkenburger, der den Bogen zur Gegenwart schlug: „Das Handwerk steht für kulturelle Vielfalt. Viele Auszubildende haben einen Migrationshintergrund, wir haben türkische, arabische, asiatische Mitgliedsbetriebe und wir engagieren uns in öffentlichen Projekten zur Integration von Flüchtlingen.“ Aktuell durchliefen zwölf geflüchtete Menschen einen dreimonatigen Berufsorientierungskurs in zur Innung gehörenden Betrieben, 15 junge Flüchtlinge seien in eine reguläre Ausbildung gebracht worden. „Die Innung bekennt sich klar zu den Grundsätzen, dass Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sprache oder sexuelle Orientierung keinen Grund für Ausgrenzung bedeuten dürfen.“

Zuvor hatte Torsten Hauschild von der AG Stolpersteine Reinickendorf Ludwig Sabats Lebensweg nachgezeichnet. Der 1878 in Wien geborene Jude kam in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts nach Berlin. 1924 legte er die die Prüfung zum Klempnermeister ab, wurde Innungsmitglied und erhielt 1927 die Mitgliedsnummer 1006. 1932 zog er mit seiner Frau Margarete und den Töchern Frieda und Charlotte Margarete vom Wedding nach Reinickendorf. 1936 erwarb er das Gebäude Eichborndamm 84, hier war sein Klempnerei- und Bleilötbetrieb ansässig, die Bleilöterei war die größte ihrer Art in Berlin. Im April 1939 wurde er zum Verkauf des Betriebs an die Bleiwerk Goslar KG gezwungen, spätestens am 1. September 1939 wurde er aus den Innungslisten und der Handwerksrolle gelöscht. Während seine Tochter Charlotte Margarete schon im Juni 1939 nach London auswanderte und Margarete Sabat unter anderem Namen den Holocaust überlebte, wurde Ludwig Sabat im November 1943 in Auschwitz ermordet. Seine Tochter Frieda und ihr Ehemann Walter Antonius wurden ebenfalls nach Auschwitz deportiert, beide gelten als verschollen. Die Stolpersteine am Eichborndamm 84 erinnern an ihr Schicksal.

Unter den Gästen am 16. November waren auch einige Bezirkspolitiker. Bürgermeister Frank Balzer dankte der Innung für die Aktion und erinnerte daran, dass die seit Jahrzehnten in Reinickendorf gepflegte Erinnerungskultur enorm wichtig sei. Und er sprach das Entwenden von Stolpersteinen in Neukölln an: „Das schmerzt. Sabat steht stellvertretend für die Millionen, die wegen ihrer Überzeugung, Religion oder Rasse ermordet wurden. Dieser mangelhafte Umgang mit der Geschichte wie jetzt in Neukölln schadet in erster Linie uns Deutschen selbst.“ bek

Letzte Änderung am Freitag, 05 Januar 2018 09:56

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