„Man braucht Stabilität“

Stefanie Molle ist eine von 150 Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Berlin e.V. Stefanie Molle ist eine von 150 Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Berlin e.V. Foto: ajö

Reinickendorf – Seit 61 Jahren haben die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge 24 Stunden am Tag ein offenes Ohr für alle, die Kummer haben oder jemanden zum Zuhören brauchen. In ganz Deutschland gilt die einheitliche, gebührenfreie Rufnummer 0800 111 0 111. In Berlin ermöglichen rund 150 ehrenamtliche Mitarbeiter den Dienst am Krisentelefon. Um die Angebote der Telefonseelsorge Berlin ausbauen zu können, sind Berliner Bewerber aus allen Bezirken immer willkommen. Eine der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist die Reinickendorferin Stefanie Molle. Die Psychologin und angehende Psychotherapeutin lebt in Wittenau und ist seit 2016 bei der Telefonseelsorge Berlin e.V. dabei.

Frau Molle, Sie sind Psychologin. Ist eine psychologische Vorbildung Voraussetzung, um bei der Telefonseelsorge mitzuarbeiten?
Nein. Es gibt zwar einige, die beruflich in dieser Hinsicht orientiert sind, oder sie kommen aus sozialen Hilfeberufen, aber viele sind auch ganz unterschiedlich beruflich unterwegs, arbeiten beispielsweise bei der Bank, kommen aus dem IT- Bereich oder sind schon Rentner. Wer diese Tätigkeit wählt, der will helfen, das ist entscheidend.

Wie sieht die Ausbildung zum Telefonseelsorger aus?
Die Ausbildungsgruppen bestehen aus rund zehn Teilnehmern, die sich wöchentlich für drei Stunden treffen. Im Mittelpunkt der mehrmonatigen Grundausbildung stehen dann die Informationen zu den anrufbezogenen Themenschwerpunkten, aber auch der Austausch mit Selbsterfahrungsanteilen. Es gibt insbesondere Rollenspiele, damit wir uns in die Anrufer hineinversetzen können. Wir haben gemeinsam erarbeitet, was für Gesprächsführungen hilfreich ist, oder wie man miteinander offen sprechen kann.

Nach der Grundausbildung geht es dann ans Telefon?
Bevor neue Mitarbeiter am Telefon arbeiten können, hospitieren sie. Das waren bei mir drei Nachtdienste. Das heißt, ich saß während der Gespräche dabei und habe zugehört, anschließend haben wir die Gespräche ausgewertet. In den ersten sechs Monaten, in denen die Neulinge selbständig am Telefon arbeiten, finden auch noch alle zwei Wochen Treffen, die Supervisionen, statt. Später sind es noch monatliche Treffen, die für alle Ehrenamtlichen verpflichtend sind. Diese Supervisionen sind sehr wichtig. Sie sind hilfreich zur eigenen Entlastung, zur kontinuierlichen Weiterbildung und Fortsetzung des Lernens über sich selbst.

Wie häufig haben Sie bei der Telefonseelsorge Dienst?
Ich komme ein- zweimal im Monat hierher. Entweder habe ich zwei 6-Stunden Schichten oder ich übernehme einen 12-stündigen Nachtdienst. Es gibt sechs verschiedene Schichten, damit der „Rund-um-die-Uhr-Dienst“ abgedeckt ist.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Anrufer?
Ja, das war ein Herr aus Bayern, bundesweit gilt ja die gleiche Nummer und je nachdem, wo gerade eine Leitung frei ist, gelangt der Anrufer hin. Ich erinnere mich, dass er sehr einsam war und gerade eine Trennung hinter sich hatte und dabei war, den Alltag wieder für sich zu bewältigen. Ganz typische Probleme wurden angesprochen: Trennung, Einsamkeit, finanzielle Probleme. Es war ein relativ langes Gespräch, eine Stunde ungefähr.

Wie lang sind die Gespräche denn in der Regel?
Ach, das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Gespräche von fünf Minuten oder von einer halben Stunde. Ich hatte auch schon ein Gespräch von zwei Stunden. Mein Durchschnitt liegt so in etwa bei 40 Minuten.

Gibt es abrupte Gesprächsabbrüche?
Ja, es gibt zwischendurch immer mal Aufleger. Jemand ruft an und legt sofort oder relativ schnell wieder auf. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn der Anrufer sich ein anderes Gegenüber vorgestellt hat. Ich nehme das Gespräch an, aber der Anrufer möchte sich nicht einer jungen Frau anvertrauen, sondern lieber einem Mann.

Und Scherzanrufe?
Kommen auch vor, sind aber selten.

Rufen einige Menschen auch immer wieder an?
So etwas gibt es, ja. Für diese Anrufer ist die Telefonseelsorge so etwas wie ein fester Anlaufpunkt. Ich habe es auch schon erlebt, dass ich Anrufer hatte, mit denen ich schon einmal gesprochen habe.

Geben Sie konkrete Ratschläge?
Nein. Man kann von hier aus keine Lösungen präsentieren. Ich kann keine praktischen Tipps geben, denn dazu weiß ich ja zu wenig von dem Menschen. Wichtig für die Anrufer ist ja auch das Dasein und das Zuhören. Wenn die Not groß ist, zählt, dass jemand da ist, der einem zuhört und der einen ernst nimmt. Es ist ganz wichtig, dem anderen Zeit zur Verfügung zu stellen. Bei den Gesprächen nehme ich mich zurück. Das ist auch für mich der „Anspruch“ an die Arbeit heranzugehen. Ich bin jetzt nicht hier, um die Welt zu retten.

Sie müssen stabil sein und aushalten können.
Ja, für die Arbeit braucht man Stabilität. Es gibt Anrufer, die haben große Schmerzen oder sie sind sterbenskrank. Sie rufen an, weil sie an ihre Angehörigen keine Anforderungen mehr stellen wollen. Sie ertragen kein „das wird schon wieder“. Ich bin dann da und höre zu. Aber es gibt auch Situationen, die sind schwer für mich auszuhalten, weil mir die Situation einfach zu nah ist, da steckt vielleicht zu viel Selbsterfahrung drin. Da kommt man an seine Grenzen. Aber das sind absolute Ausnahmesituationen, das ist mir nur einmal passiert.

Was bedeutet die Mitarbeit bei der Telefonseelsorge für Sie?
Man muss sich auf Themen einlassen können, auch wenn es schwierige Themen sind. Dann schaue ich, was kann ich von mir aus zur Verfügung stellen, aber auch, wo meine Grenzen liegen. Wenn ich zu hören bekomme, was ich mir als Ehrenamtliche für eine belastende oder schwierige Arbeit aufbürde, dann sehe ich das andersherum: Mir vertrauen Menschen etwas an. Aus der Distanz baut sich großes Vertrauen auf, man kann ehrlich miteinander sprechen. Ich betrachte meine Tätigkeit als Geschenk.

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview Anja Jönsson

Telefonseelsorge Berlin e.V. Gerade in der Weihnachtszeit ist die Telefonseelsorge Berlin e.V. ein besonders wichtiger Ansprechpartner für einsame und in seelischer Not befindliche Menschen. Sie können die Telefonseelsorge mit einer Spende unterstützen oder auch ein Präsent für Ihre Angehörigen oder Freunde verschenken, indem Sie an der „Aktion Weihnachtsgeschenk 2017“ teilnehmen: Mit einer Spende von 25 Euro übernehmen Sie die Fortbildungskosten für einen Ehrenamtlichen im Jahr. Mit einer Spende von 50 Euro finanzieren Sie die Raummiete für einen Tag in der Telefonseelsorge Mit einer Spende von 100 Euro ermöglichen Sie einen gesamten acht Stunden-Betrieb der Telefonseelsorge. Schenken Sie eine Spende: Per Überweisung (Stichwort: Aktion Weihnachtsgeschenk 2017) mit dem Namen des/der Beschenkten. Der/die Beschenkte hat die Möglichkeit, eine Spendenquittung zu erhalten. Spenden- Konto : IBAN DE43 10010010 0049818105 ; BIC PBNKDEFF ; Spendentelefon: 030 / 613 50 23 Wer Interesse an der ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Telefonseelsorge Berlin e.V. hat, kann unter Tel. 030 / 613 50 23 Kontakt aufnehmen oder eine E-Mail an mail@telefonseelsorgeberlin. de senden. Besondere Voraussetzungen sind nicht nötig, nur die Fähigkeit, vorurteilsfrei zuzuhören und mit Menschen zu reden. 

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Meldungen kurz & knapp

Soziales | Senioren | Kirche

Familiencafé

Wittenau – Eltern, Kinder und Großeltern sind eingeladen, sich am Donnerstag, 15. Februar, von 15.30 bis 17.30 Uhr bei einer Tasse Tee oder Kaffee im Familiencafé zu treffen um beisammen zu sitzen und sich auszutauschen. Eine Anmeldung ist nicht nötig, wird aber gern im Büro der Evangelischen Familienbildung Reinickendorf entgegengenommen. Das Familiencafé ist kostenfrei, um eine kleine Spende für Kaffee und Kuchen wird gebeten. Ort: Familienbildungsstätte Pastor-Weise-Haus, Spießweg 7.

Improvisationen

Hermsdorf – Innerhalb derKonzertreihe „Music for a while“ wird am Samstag, 10. Februar, 17 Uhr, zum Konzert „Improvisationen über populäre Melodien“ in die Apostel-Paulus-Kirche Hermsdorf, Wachsmuthstraße 25, eingeladen. Maria Scharwieß spielt an der restaurierten Sauer-Orgel. Der Eintritt ist frei, Spenden werden erbeten.

Schulfähre Scharfenberg

Tegel – Seit 3. Januar hat die Fähre nach Scharfenberg wieder einen Fährmann. Das teilte Schulsenatorin Sandra Scheeres mit. Ungeklärt sei allerdings, wer ihn vertritt, wenn er krank oder verhindert ist. Ein Fährgehilfe wird erst am Jahresende anfangen, und die Einstellung eines zweiten Fährmanns ist nicht geplant.

Kurse für starke Familien

Konradshöhe – Am 21. Februar startet im Kinder-und Jugendhilfezentrum Haus Conradshöhe, Eichelhäherstrasse 19, der Elternkurs „Starke Eltern – starke Kinder“. Der Kurs möchte Eltern Anregungen zur Erziehung geben und gleichzeitig die Gelegenheit, mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Themen dabei werden unter anderem Kommunikation in der Familie, Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse der Familie und Umgang mit Grenzen und Regeln sein. Unter Leitung einer Sozialpädagogin und einer Psychologin der Ambulanten Erziehungshilfe werden die Eltern Anregungen zur Erziehung erhalten und in den Austausch mit anderen Eltern treten können. Kursbeginn ist am 21. Februar, danach findet er jeden Mittwoch von 10 bis 13 Uhr statt. Anmeldeschluss ist der 9. Februar. Für die insgesamt neun Termine wird ein Teilnahmebeitrag in Höhe von 10 Euro erhoben. Nähere Informationen erhalten Sie telefonisch unter 0157/8860914 oder per E- Mail brigitte.hoerber@haus-conradshoehe.de

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