Die härteste Zeit des Jahres

52 Etagenbetten stehen bei der Kältehilfe zur Verfügung.Foto: bek 52 Etagenbetten stehen bei der Kältehilfe zur Verfügung.Foto: bek Foto: bek

Reinickendorf – Den ersten Nachtfrost hat es schon gegeben. Wer jetzt kein Dach über dem Kopf hat, für den hat die härteste Zeit des Jahres begonnen. Allein in Berlin leben 40.000 Menschen ohne eigene Wohnung, sie sind zum Teil in Wohnheimen nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (kurz ASOG) untergebracht. Es gibt aber auch die Obdachlosen, die auf der Straße leben, in der Hauptstadt sind das geschätzt zwischen 3.000 und 6.000 Personen. Und wenn es draußen richtig frisch wird, dann heißt die Frage: Wo finde ich Unterschlupf?

In Reinickendorf bei der Kältehilfe der Berliner Stadtmission in der Kopenhagener Straße. Seit dem 1. November ist sie für obdachlose Männer wieder zugänglich, für Frauen gibt es im Bezirk kein vergleichbares Angebot. Männer haben bis zum 31. März jeden Tag von 21 Uhr am Abend bis zum Morgen um 8 Uhr die Möglichkeit einer Übernachtung im Warmen. Eine warme Mahlzeit, Duschen und bei Bedarf medizinische Versorgung gibt es auch. 52 Doppelstockbetten (und damit vier mehr als im Vorjahr) stehen zur Verfügung, das ist nicht viel. Allerdings gibt es in der Innenstadt auch deutlich mehr Obdachlose als in den Außenbezirken. In Hermsdorf gab es mal eine Übernachtungsstelle, die wurde wegen mangelnder Nachfrage geschlossen.

Bereits am ersten Abend war der Schlafraum in der Kopenhagener Straße zu über der Hälfte belegt. „Mehr als 30 Menschen haben das Angebot wahrgenommen“, sagt Ulrich Neugebauer, der Leiter der Notübernachtungen der Berliner Stadtmission. Neben der in der Kopenhagener Straße bietet die Stadtmission dieses Angebot in der Lehrter Straße in Tiergarten und in der „HalleLuja“ an, einer Traglufthalle an der Frankfurter Allee an der Grenze zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg. Am 1. Dezember öffnet noch das Nachtcafé in der City-Station in Wilmersdorf seine Tore für 25 Menschen.

Ortstermin in der Kopenhagener Straße 29, allerdings um die Mittagszeit. Die Stadtmission betreibt hier ein Wohnheim für Wohnungslose und bietet 115 Plätze. 2014 wurde das Gebäude vom Bezirksamt übernommen, das zuvor 25 Jahre der Träger war und das Wohnheim aus Kostengründen abgab. Die Kältehilfe an gleicher Stelle startete ein Jahr später. Die Sitzbänke sind jetzt noch hochgestellt, der Aufenthaltsraum mit der Essensausgabe und der Schlafraum menschenleer. An der Tür, die nach draußen führt, steht in sieben verschiedenen Sprachen: „Wer diese Einrichtung verlässt, kann an diesem Abend/Nacht nicht wieder reinkommen.“ Der Hintergrund: In den Räumen herrscht striktes Alkoholverbot, und deshalb sollen abendliche Ausflüge zum nächstgelegenen „Späti“, um sich neuen „Stoff“ zu besorgen, gar nicht erst stattfinden.

Kälteschutz war Thema auch bei der jüngsten Bezirksverordnetenversammlung, bei der Clemens Krüning eine Einwohneranfrage stellte. Er wollte wissen, welche Maßnahmen der Bezirk getroffen habe, um Räume zum Schutz vor der Kälte für Obdachlose zur Verfügung zu stellen. „Es gibt kaum ein anderes Thema, das uns so langfristig beschäftigt“, sagte der SPD-Fraktionschef Marco Käber. Die Kältehilfe sei ein wichtiges Angebot, stelle aber nicht die Lösung des Problems dar. Felix Lederle (Die Linke): „700 Plätze in ganz Berlin sind mehr als je zuvor, aber trotzdem viel zu wenig.“ Hauptproblem sei nicht das Geld, das stelle das Land durchaus zur Verfügung, sondern geeignete Immobilien zu finden.

Claudia Skrobek (CDU) unterschied in „klassische Obdachlose“ und Männern aus Osteuropa, die hier schwarz arbeiten und verstärkt das Angebot einer kostenlosen Übernachtung wahrnehmen würden. Dazu sagte die Grüne Elke Klünder: „Es ist nicht zielführend, klassische Not gegen nicht klassisches Elend auszuspielen.“ Ulrich Neugebauer von der Stadtmission sieht das genauso: „Das zu diskutieren ist müßig. Für uns sind alle klassisch obdachlos, die keine Wohnmöglichkeit haben. Und die Realität sieht so aus, dass seit zehn Jahren 70 Prozent der Obdachlosen in Berlin keine ,Biodeutschen‘ sind, um das mal so zu formulieren. Da ist die Politik gefragt, die das Problem bisher nicht gelöst hat.“

„Aktion, nicht Gerede“, fordert indes Andreas Otto (FDP), der einen Flyer der Freien Demokratischen Wohlfahrt e.V. (FDW) vorstellte. Für 40 Euro kann man Schlafsack-Pate werden, dafür erhalten Obdachlose eine Isoliermatte und einen Schlafsack, der Temperaturen bis zu minus 23 Grad standhält. Infos unter  Tel. 851 90 68 und im Netz unter www.fdw-berlin.de bek

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Meldungen kurz & knapp

Soziales | Senioren | Kirche

Hatun-Sürücü-Preis ausgelobt

Bezirk/Berlin – Bereits zum sechsten Mal hat die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus den mit 1.000 Euro dotierten Hatun-Sürücü-Preis ausgelobt. Dieser zeichnet Menschen aus, die sich tatkräftig und mit viel Herz für Mädchen und junge Frauen einsetzen und ihre Selbstbestimmung fördern. Kandidatinnen können sich bis zum 31. Dezember selbst bewerben oder vorgeschlagen werden. Die Preisverleihung findet im Februar im Berliner Abgeordnetenhaus statt. Weitere Infos und Bewerbungsunterlagen unter www.gruene-fraktion-berlin.de/hsp 

Senioren erwandern 3.446,84 Euro

Bezirk – Bei der diesjährigen Sternwanderung im Sommer wanderten etwa 700 Seniorinnen und Senioren zum Seniorenfreizeitzentrum in der Adelheidallee in Tegel. Insgesamt kamen dabei aus Startgebühren sowie Speise- und Getränkeeinnahmen 3.446,84 Euro zusammen, die dem Weißen Ring zugute kommen, der Opfer von Kriminalität und Gewalt sowie deren Angehörige unterstützt.

Kurs für ehrenamtliche Sterbebegleiter

Märkisches Viertel – Der Hospizdienst vom Unionhilfswerk hat noch freie Plätze im kostenlosen Vorbereitungskurs zum ehrenamtlichen Lebens- und Sterbebegleiter. Der Kurs startet am 12. Januar 2018 beim Unionshilfswerk, Wilhelmsruher Damm 116. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Ziel ist, Menschen in schwierigen Situationen oder an ihrem Lebensende beizustehen – ob zu Hause oder im Pflegewohnheim. Die Ehrenamtlichen treffen sich auch zur Supervision und zum regelmäßigen Austausch. Weitere Informationen unter Tel. (030) 644 97 60 66.

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