Hundekiller am Tegeler See

Warnschilder weisen Hundehalter auf die Gefahr hin. Warnschilder weisen Hundehalter auf die Gefahr hin. Foto: star

Tegel – Giftköderalarm am Tegeler See: Friedlich gehen Hundebesitzer mit ihrem Liebling am Ufer Gassi, plötzlich beginnt das Tier zu zittern, hat Schaum vorm Maul, bricht zusammen – so geschehen mindestens ein Dutzend Mal in den vergangenen Wochen. Für die Hälfte der Hunde kommt jede Hilfe zu spät. Sie sterben binnen einer halben Stunde, ohne dass Tierärzte noch etwas für sie tun können. Die Ursache: vermutlich Giftköder. Alles deutet darauf hin. „Für solche Taten fehlt mir jedes Verständnis“, sagt Justizsenator Dirk Behrendt. „Das Auslegen von Giftködern ist eine Straftat und wird auch so behandelt.“ Wenn sich der oder die Täter denn jemals ermitteln lassen. Einstweilen heißt es: Vorsicht beim Spaziergang am Tegeler See. Was für Hundebesitzer und für Eltern gilt. Denn: „Wer Giftköder auslegt, bedroht damit nicht nur Leib und Leben von Hunden. Auch Kinder sind durch die sehr unterschiedlichen Gifte in den Ködern gefährdet“, warnt Behrendt.

Es komme immer wieder vor, dass Hundehasser aus Wut über Hundekot oder über angeblich aggressive Hunde Giftköder auslegen, erklärt der Tierschutzbeauftragte des Landes Berlin, Professor Horst Spielmann. Doch was seit dem 18. Mai rund um den Tegeler See passiert, ist schlimmer als alles bisher Dagewesene. Wie viele Hunde wirklich vergiftet worden sind, lässt sich kaum genau ermitteln. „Bei uns liegen vier Anzeigen aus dem Bereich vor – mit fünf betroffenen Hunden. Vier davon sind tot“, sagt Saskia Schwarz vom Reinickendorfer Polizeiabschnitt 11. Die Polizei ermittelt gegen Unbekannt. Wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Doch allem Anschein nach haben nicht alle betroffenen Hundehalter Anzeige erstattet. Denn: „Wir hatten schon zehn Hunde mit Vergiftungserscheinungen in unserer Praxis“, berichtet Vassiliki Tanidis, Tierärztin im Veterinärmedizinischen Zentrum an der Scharnweberstraße.

„Nur die Hälfte der Tiere hat überlebt.“ Alle Hunde waren am Tegeler See spazieren, die Symptome immer gleich: „Die Tiere zitterten, waren wackelig im hinteren Bereich, kippten um, bekamen blaue Schleimhäute.“ Nicht die einzige Praxis, die hilfesuchende Hundebesitzer aufsuchten. „Wir hatten heute schon zwei Hunde, die nach einem Spaziergang am Tegeler See plötzlich Atemnot entwickelt haben und bereits bei Ankunft bei uns tot waren“, schreibt das Praxisteam der Kleintierspezialisten aus der Wittestraße am 21. Mai in seinem Facebookauftritt. So erfährt auch Tierärztin Anne Vormum von der befreundeten Tierarztpraxis Molkentin in Mitte von den schlimmen Vorfällen. „Wir sind bislang verschont geblieben“, sagt Vormum. Doch von dem, was sie gehört hat, steht für sie außer Frage: Was den Hunden in Tegel den Garaus bereitet, kann kein Rattengift sein. Auch kein Schneckenkorn – ein Pflanzenschutzmittel, das Hunde allzu gern fressen, weil es süßlich schmeckt.

Clara2Tierärztin Anne Vormum wurde über Facebook über die Todesfälle informiert. Foto: star

„Das hier ist eine neue Qualität der Vergiftung“, sagt Tierärztin Tanidis. Weil der Tod der Tiere unendlich schnell eintrete. „Es gibt leider gar nichts, was Hundehalter selbst tun können, wenn ihr Hund die Symptome zeigt.“

Was Tanidis verwundert: Dass viele Hundebesitzer immer noch nicht wissen, was am Tegeler See passiert ist. „Die gehen nach wie vor genau an die Stellen, an denen Tiere qualvoll zu Tode gekommen sind.“ Hunde sieht sie ebenso gefährdet wie Menschen, die sich am Seeufer sonnen oder dort gar picknicken. Im Veterinärmedizinischen Zentrum wird offensiv gewarnt: „Jeden Tierhalter, der mit seinem Hund in unsere Praxis kommt, informieren wir – schon bei der Anmeldung und dann auch noch mal bei der Behandlung.“ Eindringlich appelliert Tanidis: Hundehalter sollten den Tegeler See derzeit einfach meiden. „Wenn sie aber meinen, dort Gassi gehen zu müssen, dann nur mit dem Hund an der Leine. Und am besten mit Maulkorb, wenn die Tiere dazu neigen, Dinge vom Boden aufzunehmen.“ Das Reinickendorfer Bezirksamt hat Warnhinweise entlang der Uferwege am Tegeler See angebracht, nahe Borsigdamm und Neheimer Straße ebenso wie an der Badestelle am Forsthaus. Auch wenn einige der verendeten Tiere zuvor ein Bad im Tegeler See genommen hatten, geht man beim Bezirksamt davon aus, dass die Ursache nicht im Wasser zu suchen sei. Erst Ende April habe das Landesamt für Gesundheit und Soziales die Wasserqualität des Tegeler Sees überprüft und keine Verunreinigung festgestellt. Jetzt war das Gesundheitsamt erneut vor Ort, ebenso das Umweltamt und die Kripo. „Das Wasser wird kriminaltechnisch untersucht“, erklärt Saskia Schwarz. „Aber wir denken, dass die Ursache an Land liegt.“ Sonst wären auch andere Tiere im Wasser betroffen gewesen.

Seit die erste Anzeige bei der Polizei einging, arbeitet die gesamte behördliche Maschinerie. Verstärkt Streife laufen könnten die Ordnungshüter am Tegeler See allerdings nicht, so Schwarz. Das sei nicht verhältnismäßig, zumal bislang kein einziger Köder entdeckt wurde. Auch die Halter hätten nicht bemerkt, dass ihre Hunde etwas gefressen hätten, schreibt die 2015 von den Spandauer Christdemokraten Kai Wegner und Thorsten Schatz ins Leben gerufene Initiative „Giftköderalarm Berlin“ auf ihrer Facebookseite. Aufschlüsse verspricht sich die Polizei von der pathologischen Untersuchung eines der verendeten Hunde, deren Ergebnisse bis Redaktionsschluss noch nicht vorlagen. Mehr als diese eine Obduktion sei bislang nicht in Auftrag gegeben worden. „Das liegt im Ermessen des Tierhalters“, sagt Saskia Schwarz. Denn der muss auch die Kosten dafür tragen. star

Letzte Änderung am Donnerstag, 08 Juni 2017 08:30

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